Interview

Interview 19.01.2021, 15:00

KICKIN VALENTINA - Rock 'n' Roll, Nostalgie und Hundefutter

Nach der alles andere als reibungslosen Trennung von Reibeisen Joe Edwards konnte man sich fast ein wenig Sorgen um KICKIN VALENTINA machen. Würden sich die Amis, die mit "Super Atomic" (2015) und "Imaginary Creatures" (2017) zwei Meisterleistungen des kernigen Sleaze Rock auf die Straßen Atlantas gerotzt hatten, von diesem Umbruch schnell wieder erholen? Mit der "Chaos In Copenhagen"-EP kam 2019 die frühzeitige Entwarnung, "The Revenge Of Rock" legt jetzt noch einen drauf: Auf Langspieler Nummer drei spielen die Georgia-Jungs auch mit Neuzugang D.K. Revelle am Mikro all ihre Stärken aus. Mehr als genügend Gründe, uns Bassist Chris Taylor an die Strippe zu holen.

Chris, das dritte Album wurde früher ja gerne als "Make It Or Break It"-Album bezeichnet. Hattet ihr das beim Songwriting im Hinterkopf?

»(Lacht.) Nicht wirklich, Mann. Es hat sich in den letzten Jahren eine Menge verändert in der Band. Es ist unser erster Langspieler mit unserem neuen Sänger, der auch schon auf der EP letztes Jahr zu hören war. Die Fans haben sie gut angenommen, deshalb hoffen wir einfach, dass sie das neue Album auch mögen.«

Wie seid ihr mit dem schwierigen Umständen des Lockdowns während des Entstehungsprozesses von "The Revenge Of Rock" klargekommen?

»Wir hatten zwei oder drei Tourneen gebucht letztes Jahr. Das wurde natürlich alles abgesagt, wir haben in 2020 insgesamt nur zwei Shows gespielt. So scheiße das alles auch war, wollten wir aber unbedingt ein neues Album rausbringen. Also nutzten wir die Auszeit, um zu schreiben und Demos aufzunehmen, um das Album fertigzubekommen.«

Euer neuer Mann am Mikro, D.K. Revelle, wohnt nicht bei euch in Atlanta, oder? Haben die Aufnahmen und das Songwriting trotzdem gut geklappt?

»Yeah, drei von uns leben in Atlanta und er auf der anderen Seite der Staaten, in Kalifornien. Der Schreibprozess für dieses Album war etwas anders als in der Vergangenheit. Wir drei haben uns getroffen, geschrieben und ein paar Ideen ausgearbeitet, die wir ihm dann per Mail schickten. Daraufhin antwortete er uns und merkte an, was ihm gefiel und was nicht. Es kostete uns also etwas mehr Zeit, einen Song zusammenzubringen. Ich denke aber, das Ergebnis spricht am Ende des Tages für sich.«

Bevor D.K. als neuer Sänger zu KICKIN VALENTINA kam, hattet ihr für ein paar Monate Brian Bezotte von Stradlin' Rosie in der Band. Warum hat es mit dieser Konstellation nicht geklappt?

»Weißt du, um ehrlich zu sein, das ist eine Frage für ihn. Als er zur Band kam, sagten wir ihm, dass wir sein ganzes Engagement brauchen, wenn er das machen will. Wir mögen Brian wirklich und halten ihn für einen guten Sänger und netten Kerl. Er war vier oder fünf Monate bei uns, wir schrieben in dieser Zeit ein paar Songs und spielten fünf oder sechs Shows an mehreren Wochenenden. Wir fuhren den ganzen Weg von Georgia nach Florida, spielten Konzerte an der Westküste in Kalifornien, Nevada und Arizona. Wir reisten also viel und ich glaube einfach nicht, dass es wirklich das war, was er wollte. Mit seiner Band spielte er hauptsächlich in Wisconsin. Wir kamen zurück und er traf die Entscheidung, dass das einfach nicht sein Ding ist. Jimmy (Berdine, dr. - sb) und Heber (Pampillon, g. - sb) kannten D.K. ein bisschen, sie hatten mit ihm tatsächlich schon zu Zeiten der Bandgründung gesprochen, vor unserem ursprünglichen Sänger Joe. Damals konnte er es aber nicht machen. Wir wollten unbedingt einen Ersatz für Brian finden, bevor wir in einer Ankündigung erklären würden, was passiert war. Also riefen wir D.K. an und er kam zwei Wochen später vorbei. Er hatte elf, zwölf Songs einstudiert und brachte sie perfekt auf den Punkt. Er steht zu einhundert Prozent hinter der Sache und hat dieselben Ideen und Vision wie wir. So schwierig es damals auch war, rückblickend war es Glück im Unglück, dass die Dinge so gelaufen sind. Wir wünschen Brian Glück und alles was dazugehört, aber ich glaube einfach nicht, dass das Touren auf Dauer etwas für ihn gewesen wäre.«

Welche Einstellung braucht man als Sänger von KICKIN VALENTINA?

»Wir wollten niemanden, der stimmlich einfach nur Joe imitiert. Wir suchten nach jemanden, der Energie hat, der ein guter Frontmann ist und der es lebt und atmet. Denn das machen wir alle, wir lieben das, was wir tun. Er sollte aber auch cool und entspannt sein. Jemand, mit dem man Spaß haben kann und der natürlich auch dieselben musikalischen Einflüsse hat. Und wir sind glücklich, Mann, wir haben all das in D.K. gefunden.«

Über die Trennung von Joe Edwards redet ihr heute nicht mehr wirklich, oder? Oder gibt es dazu noch etwas zu sagen?

»Nein, dieses Kapitel ist abgeschlossen. Dazu gibt es wirklich nichts mehr hinzuzufügen. D.K. ist jetzt unser Sänger, wir sind glücklich mit ihm und freuen uns auf alles, was uns bevorsteht. Alles, was über die Situation damals gesagt wurde, wurde gesagt.«

2019 habt ihr die "Chaos In Copenhagen"-EP mit D.K. zwischen einigen Shows in Europa aufgenommen. Wie blickst du heute darauf zurück?

»Das war eine wirklich spaßige Erfahrung. Wir spielten ein paar Mal in Kopenhagen, trafen uns dort mit unserem Labelboss Michael von Mighty Music und verlängerten unseren Vertrag. Danach hatten wir ein paar Tage Zeit, bevor wir weiter nach Deutschland reisten. Er schickte uns ins Studio, weil er wusste, dass wir nicht wirklich viel machen würden, außer rumzuhängen. Also hauten wir diese drei Songs raus, so viel wie wir an einem Tag schafften. Wir waren vielleicht 13 oder 14 Stunden da drin. Eine Woche später spielten wir in Deutschland auf dem Bang Your Head Festival und nahmen dabei noch einen Live-Song für die EP auf. Der gesamte Prozess hat verdammt viel Spaß gemacht.«

Und jetzt ist das neue Album da. Der Titel "The Revenge Of Rock" ist ein starkes Statement. Würdest du sagen, dass Rockmusik heutzutage stark ist oder bewahrheitet sich das alte Sprichwort, dass der Rock tot ist?

»Ich finde, an beiden Aussagen ist etwas Wahres dran. Im Mainstream ist der Rock offensichtlich nicht so präsent wie früher. Nichtsdestotrotz gibt es aber immer noch eine Menge wirklich gute Musik und Bands da draußen. Der Rock verlagert sich gewissermaßen wieder in den Untergrund und dafür gibt es viele großartige Labels. Es gibt im Moment kaum Major-Labels, die viel Rock zu sich holen, aber das gibt Bands die Möglichkeit, das zu tun, worauf sie Lust haben. In vielerlei Hinsicht ist es also eine gesunde Sache, wieder in den Untergrund zu gehen.«

Ist der klassische Rock 'n' Roll-Lifestyle noch zeitgemäß?

»Es gibt eine Menge Bands dort draußen, die das "Sex, Drugs & Rock 'n' Roll"-Ding durchziehen. Das ist cool! Ich selbst bin seit sieben Jahren trocken, wenn ich jetzt auf Tour gehe, dann gehe ich die Dinge etwas anders an als früher (lacht).«

Hast du eine Lieblings-Tourgeschichte?

»(Überlegt.) Eine der coolsten Erfahrungen war, als wir einmal eine Show in Italien spielten, das war an Hebers Geburtstag. Wir waren davor ein paar Mal zusammen mit Y&T aufgetreten, Dave und Jill (Meniketti - sb) waren in der Stadt und kamen vorbei, weil der Promoter eine Party für Heber schmiss. Im Anschluss hingen wir noch mit Dave ab, saßen wortwörtlich zusammen auf der Straße und unterhielten uns stundenlang. Er erzählte uns all diese alten Geschichten, über die frühen Tage von Y&T, Tourneen mit AC/DC und von all den Bands der damaligen Zeit. Mötley Crües erster Gig war eine Eröffnungsshow für Y&T und Dave sagte damals, dass sie niemals irgendwas erreichen würden (lacht). Er hat über 30 Jahre damit verbracht, seine Fehleinschätzung einzugestehen. Es ist großartig, mit jemandem zu reden, der so lange im Geschäft ist. Das ist eine meiner liebsten Roadstorys.«

Auf die guten alten Zeiten zurückzublicken, scheint auch ein Thema auf "The Revenge Of The Rock" zu sein. Stehen hinter Songs wie 'Lookin For You' oder 'End Of The Road' persönliche Geschichten oder wolltet ihr generell das Lebensgefühl von früher einfangen?

»Ein Song wie 'End Of The Road' beschreibt, wie viele von uns damals in Amerika aufgewachsen sind. Wir verbrachten Zeit mit Freunden, gingen auf Hinterhof-Parties und schwänzten die Schule, um runter zum Fluss gehen. Dieser Song trägt für uns eine Menge Wahrheit in sich. Darin verbirgt sich keine spezifische Geschichte, aber wir lebten ein unbeschwertes Leben und hatten Spaß. In dieser Phase unseres Lebens drehte sich alles um Trinken, Mädchen und Rock 'n' Roll. Das war es auch schon (lacht).«

Du warst damals und bist heute noch ein großer Thrash Metal-Fan, richtig?

»Yeah, als Teenager lebte ich in der Nähe von Sacramento, vielleicht drei Stunden von San Francisco entfernt. Damals war die Bay-Area-Thrash-Szene sehr aktiv, mit Bands wie Exodus, Testament und Death Angel. Ich liebte all das Zeug. Ich war eines dieser Kinder, das an einem Tag mit einem Slayer-Shirt und am nächsten Tag mit einem Poison-Shirt zur Schule ging. Niemand verstand das, entweder du magst Glam Rock oder Thrash (lacht).«

"The Revenge Of Rock" klingt viel stärker als eure Vorgängeralben, als wäre es im Stil des großen Stadion-Rocks der Achtziger geschrieben. Einen Song wie 'War' mit seinen Gang-Shouts kann ich mir gut in einer großen Arena vorstellen.

»Weißt du, wir haben schon von Anfang an gesagt, dass wir einfach Songs schreiben, die wir mögen. Wenn den Leuten das nicht gefällt, dann ist es eben so. Wir wollen Musik spielen, die uns Spaß macht. Auch wenn wir jetzt einen neuen Sänger haben und unser Songwriting-Ansatz etwas anders ist, gehen wir immer noch mit derselben Einstellung an die Sache ran. Wir treffen uns, schreiben Songs und was dabei herauskommt, kommt eben heraus. Wir haben niemals gesagt, dass wir in eine bestimmte Richtung gehen wollen.«

Stimmt es eigentlich, dass KICKIN VALENTINA mehr oder weniger in der früheren Tierhandlung von eurem Gitarristen Heber gegründet wurden?

»(Lacht.) Ja, das ist tatsächlich wahr. Heber hatte früher eine Tierhandlung und verkaufte organisches Hundefutter. Jimmy wohnte in derselben Straße und kam ständig vorbei, um etwas bei ihm zu kaufen. Mit der Zeit fingen sie an, sich zu unterhalten, lernten sich kennen, stellten fest dass Jimmy ein Schlagzeuger und Heber ein Gitarrist war und so kam es schließlich zur Bandgründung (lacht). Das ist wahrscheinlich die un-rock-'n'-rolligste Geschichte überhaupt. Heber hat die Tierhandlung heute nicht mehr, aber so haben sie sich kennengelernt.«

www.facebook.com/KickinValentina

Bands:
KICKIN VALENTINA
Autor:
Simon Bauer

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