Interview


Pic: S. Friesen

Interview 01.09.2021, 16:33

LANTLOS - Am Rand der Zone

LANTLOS war im Kern immer ein Soloprojekt, hatte Gastsänger, es gab eine Liveband und lange war bekannt, dass das nächste Album „Wildhund“ heißen wird. Lange blieb im Dunkeln, wie der Prozess weiter vorangeht. Wir sprachen mit Markus Siegenhort über Inspirationen, Veränderungen und einen inneren Roten Faden, der seine Musik auch bei viel äußerlichem Wandel stets zusammenhält.

Markus, sieben Jahre sind vergangen. Spielt diese lange Zeit für dich und die Entwicklung deiner Musik eine Rolle, oder schwebst du sowieso weit ab von Raum und Zeit?
»Also die Sachen sind schon ziemlich lange fertig, aber es gab immer wieder verschiedene langweilige Probleme, wie Arbeit, gesundheitliche Sachen oder eine abgerauchte Festplatte, die mich davon abgehalten haben. Das war am Ende ganz schön nervenzehrende doppelte Arbeit, aber ich bin jetzt echt zufrieden, dass ich nicht zu viele Kompromisse gemacht habe.«

Seit 2014 ist die Bedeutung von Social Media nochmal drastisch gestiegen, weswegen man auch immer wieder Fragen aus der Community an dich beobachten konnte, was denn los sei.
»Ja klar, die Leute haben mir viel geschrieben und mir tat es letzten Endes auch leid aber habe es irgendwie auch gemieden, weil das mit Druck von außen zu tun hat, auf den ich keinen Bock hatte. Das kann auch ein echter Energiefresser sein und das Album selbst hat mich schon jede Menge Energie gekostet. Heute versuche ich auch wirklich allen zurück zu schreiben und freue mich da drüber, aber das ist auch ein anderes Gefühl jetzt.«

Damals sagtest du, es ist immer schwierig über aktuelle Releases zu reden, weil die zu diesem Zeitpunkt schon für dich durch sind. Dieses mal wirkst du zumindest öffentlich total entspannt und ausgeglichen.
»Ich habe inzwischen schon viele Songs für das nächste Album fertig und bei mir hat das immer sehr viel mit den Lebensumständen zu tun. „Melting Sun“ und „Wildhund“ sind ein zusammenhängender Komplex für mich. Obwohl das alles viel im Wandel bei mir ist, verliert es aber nicht an Bedeutung und Wert, wenn du das meinst? Mit „Melting Sun“ hat es begonnen, dass ich mich sehr konzeptuell mit den Dingen beschäftigt habe und die Songs in eine ganze eigene Welt eingebettet wurden. Diese Welt ist mindestens zu 90 Prozent das, was mich in meinem Leben bewegt. Heute habe vielleicht ein bisschen besser verstanden, dass es auch wichtig ist darüber zu sprechen und den Leuten das nicht nur kommentarlos vor die Füße zu werfen.«

Hat sich die Bedeutung von Gesang verändert, oder sind sogar die Riffs mehr am Gesang entlang entstanden? Es gibt auf jeden Fall viel mehr Text als auf allen Alben davor.
»Im Metal ging es für mich immer sehr viel um Riffs, Drums, Sound, während ich den Gesang oft nur als Beiwerk empfunden habe. Klar gibt es Leute die richtig geil schreien können, wo auch diese Energie rüber kommt, aber ich habe die Musik die ich gerne gehört habe, weniger nach den Sängern ausgesucht, als nach dem Instrumentalen. Über die Jahre habe ich sehr viel andere Musik gehört und mir ist aufgefallen, was einen Song ausmachen kann. Songs können auch total komisch und unkonventionell geschrieben sein und brauchen dafür keine zwölf Minuten mit Ambient-Parts dazwischen. In dem Zuge ist mir klar geworden, dass in Vocals eine unglaubliche Kraft liegt und das für viele Leute der Schlüssel zum Verständnis eines Songs ist – was es für mich wie gesagt nie war. Momentan funktioniert es für mich nur mit richtigen Leadvocals. So wurde es alles kompakter, schneller und zu dem Album, das es geworden ist.«

Das spannende an Lantlos bleibt, dass sich die Musik mit jedem Album natürlich weiter entwickelt und es wie eine Reise auf der Suche nach dem perfekten Gefühlsausdruck ist, der kaum Worte kennt. Kindheit, Farben, Berauschtheit waren für „Melting Sun“ wichtig. Hast du deinen Wildhund im Geist von der Leine gelassen, der jetzt durch Wolkenbubbles fliegt und über seine Emotionen stolpert?
»Die Art wie ich Musik mache, hat sich schon verändert, aber der Impuls nicht. Ein Album genau so zu machen wie „Neon“ zum Beispiel, das ist der Punkt wo ich nicht mehr im Jetzt wäre. Und es wird wie gesagt immer konzeptueller, man kann sich das wie eine assoziative Welt oder Mindmap vorstellen. Ein übergeordnetes Ding, was ich für mich selbst die Zone, bzw. „ethereal pro“ nenne. Darum spinnen sich dann Farben, Gerüche, Gegenstände die ich sammele, bestimmte Orte und Aktivitäten. Es dauert dann natürlich seine Zeit bis das von einem „Melting Sun“- zu einem „Wildhund“-Bild wird und bestimmte Teile eine besondere Rolle einnehmen, sodass es für mich eine ganz haptische Sache wird. Der wichtigste Schritt ist für mich dann, das in der Musik möglichst genau abzubilden und zu vermitteln.«

Das kann ich gut nachvollziehen, wenn man ein großes Feld aus Bildern und Assoziationen hat, die schwierig für Außenstehende in Worte zu fassen sind.
»Genau darum geht’s. Wenn ich jetzt den Geruch Minze nehme, meine ich nicht wie Minze riecht, sondern was er bei mir erzeugt. Dann wird das wie eine Art Pinsel oder ein Wort in den Lyrics, was da dann wirken kann. Ich hatte mal das Bild von einem Papagei mit Federn aus Minze im Kopf und wenn ich das sage und den in einen imaginären Pavillon mit Pflanzen setze, kommt bei Leuten eine Vorstellung an. Solche Bilder versuche ich quasi zu sammeln und nicht zu vergessen.«

Das passt auch zu den neuen Fotos, wo es viel um Farben, aber auch Gegenstände geht die du in der Hand hältst. Etwa einen Regenschirm und einen bunten Keks. Man könnte denken, du meinst das alles ironisch, aber bist im Grunde ehrlich so zu sehen, wie du dich oft fühlst?
»Das gehört dazu, weil alle Dinge zusammen ein Bild ergeben. Die Fotos sind natürlich mit Augenzwinkern zu sehen, aber ich hab gemerkt, dass es auch ein kraftvolles Medium zur Kommunikation ist. Wenn ich mich jetzt nur in den Wald stelle und gucke, wäre das für mich zu wenig gewesen, was die Leute daraus ablesen können. Wenn die Leute den Regenschirm sehen, denken sie vielleicht an Softeis und müssen auch lachen. Es ist einfach eine sehr fokussierte Form von dem was ich mit dem Album vorhatte.«

Kann diese Beschäftigung mit dem persönlichen Rausch-Erleben der Welt auch irgendwo hin driften, wo es negativ für dich wird? Die Grenzen zum egoistischen Hedonismus werden irgendwann dünner. Bei 'Lich' singst du „I somehow feel like shit, for using you again. In the end I really do not care enough.“
»Das hast du sehr aufmerksam gelesen. Es hat viel mit meiner persönlichen Historie und wie ich früher gelebt habe, zu tun. Ich hatte sehr wenig äußere Struktur in meinem Leben. Ab Anfang 20 war ich für fast zehn Jahre selbstständig nur mit Musik beschäftigt. Wenn du das jeden Tag nur noch macht, fühlst du dich irgendwann komisch. Als wenn du die ganze Zeit in den Himmel guckst und dann wird er erst blau, dann hell und irgendwann sehr grell. Ebenso wie das Erleben dieses „ethereal pro“-Konzepts wird das dann extrem konturlos und auch nicht mehr schön. Ich habe über die Jahre den Überblick verloren und es entkoppelt einen von der Realität. Immer in diesen Stimmungen zu sein kann sehr glittery und wild sein, aber auf der andere Seite ist alles was dann außerhalb davon ist, total leer und langweilig. Man kann nicht immer nur so unterwegs sein und muss einen Kompromiss finden. 'Lich' ist der Song, in dem es genau darum geht.«

Warum heißt das Album wie es heißt?
»Wenn ich mit meinem Hund unterwegs bin, finde ich es immer schön, wenn ich ihn von der Leine gelassen habe und er ist dann in die Felder gerannt und immer wie so ein Delfin oben raus gesprungen. Es könnte auch Hund in der Wildnis oder Hund ohne Herr heißen, in einem idealisierten und romantisierten Sinne. Es ist auch ein Symbol für die Energie und die Positivität die mich in dieser Zone kickt.«

Sprechen wir noch konkret über ein paar weitere Songs. 'The Bubble', wo der Gesang harmonisch so mäandert und am Ende auch noch unerwartet ausrastet. Hast du noch Wut über die Menschen die ihre Augen nicht auf machen, oder ist alles einer positiv-melancholischen Energie gewichen?
»Auf dem Album geht es echt nicht um jemand anderen, sondern wie ich mich fühle. Das ist vielleicht egoistisch, aber früher habe ich eigene Probleme auch oft auf andere Leute übertragen und bleibe heute mehr bei mir. 'The Bubble' geht genau um das schon beschriebene Feeling. Den Ausraster-Part empfinde ich auch gar nicht als aggro, sondern explosiv.«

'Cocoon Tree House' – Zurückgezogen in die heile Welt des Baumhauses? Nur eine Erinnerung, oder auch heute noch ein Wunsch, Probleme der Realität auszublenden?
»Beides ein bisschen. Der Songtitel ist mir eingefallen, weil ich so ein tolles Baumhaus an einem See gesehen habe und mir dachte, was ein Zentrum für Träume von Kindern, wo die ihre eigene Welt erleben können. Es ist was aufregendes, was eigenes, deren persönliches Luftschloss, sozusagen. Es geht im Song viel darum, dass dieses Gefühl über die Jahre verschwindet und ich versuche, die Begeisterung und den Enthusiasmus zu konservieren.«

Im Video zur Single 'Lake Fantasy' kommt als einziges wirklich ein Hund/Wolf vor, der parallel zu einer Frau die psychedelischen Farben des Sees und Waldes erkundet. Wie war dein persönlicher Einfluss auf das Video?
»Das Video ist schon älter und ich war einfach nicht bereit, selbst in dem Video aufzutreten. Ich dachte es ist cooler, als Künstler in den Hintergrund zu treten, aber vielleicht muss man sich als Person auch mal zeigen, weswegen ich auf dem Albumcover dann mit drauf bin, das einfach ein Schnappschuss ist wo ich mit Freunden am See war und im Wasser lag. Einer hat mir Blumen rüber geworfen und ein Foto gemacht. Das Video ist an einem Ort entstanden, wo ich seit Jahren mit Freunden hinfahre und was auch immer ein Highlight des Jahres für mich ist. Auch für 'Melting Sun' war die Umgebung schon eine Inspiration.«

Du bist über die Jahre bei Prophecy geblieben und in der Zeit ist auch das Festival da entstanden, dessen Programm ziemlich vielseitig ist. Könnten dich solche besonderen Gelegenheiten und Locations nochmal motivieren, live zu spielen?
»Ich hab Musik machen in Bands immer wieder ausprobiert, aber es ist nicht so mein Ding. Wahrscheinlich bin ich einfach wenig kompromissbereit was die Details in Songs angeht, weswegen ich auch keine Songs beim jammen schreibe, oder so. Zu Prophecy habe ich seit Jahren eine gute Beziehung und sie lassen mir alle Freiheit der Welt. Das Festival würde ich gerne mal besuchen wenn ich die Zeit finde. Live spielen ist mir zu stressig, da ich keine Band habe, keinen Proberaum und die Zeit die ich habe, möchte ich an neuen Songs arbeiten. Die Leute meiner alten Liveband sind räumlich verteilt und es frisst mir schlicht auch zu viel Zeit, sich da wieder reinzuhängen.«

Was magst du zum Abschluss noch über das nächste Album erzählen?
»Eigentlich gar nichts (lacht). Es wird anders als was ich vorher gemacht habe, eine neue Abzweigung, aber es wird nach „Wildhund“ als LANTLOS-Album zu erkennen sein. Was ich sagen kann ist, dass es wieder viele Songs werden, sie sind alle fertig aufgenommen und ich würde das Album gern direkt im nächsten Jahr raus bringen.«

www.facebook.com/lantlos

Bands:
LANTLOS
Autor:
Meredith Schmiedeskamp

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