Interview

Interview 20.04.2021, 15:46

POVERTY'S NO CRIME - Zeit zum Nachdenken

Und wieder ein Jubiläum, das gegen eine gewisse Pandemie den Kürzeren ziehen muss. POVERTY'S NO CRIME sind dieser Tage 30 Jahre im Geschäft und noch immer eines der qualitativen Aushängeschilder der deutschen Prog-Szene. Mit ihrer achten Studio-Platte "A Secret To Hide" geben Sänger/Gitarrist Volker Walsemann, Bassist Heiko Spaarmann, Gitarrist Marco Ahrens, Schlagzeuger Andreas "Theo" Tegeler und Keyboarder Jörg Springub sich und den Fans aber immerhin abseits der Bühne die Möglichkeit, zu feiern. Zu diesem Anlass ließ es sich das Quintett nicht nehmen, gleich in kompletter Bandbesetzung mit uns über ihr neues Werk zu sprechen.

Ihr habt für "A Secret To Hide" dieses Mal nur fünf Jahre gebraucht, nachdem "Spiral Fear" ganze neun Jahre auf sich warten ließ. Das hattet ihr den Fans aber auch versprochen, nicht wahr?
HEIKO: »Ja genau. Ohne Pandemie hätte es wahrscheinlich länger gedauert. Es war schon eine Möglichkeit, dass alle zu Hause sind und auch die Zeit aufbringen konnten, aufzunehmen. Ich glaube für das Album hat das mehr Intensität gebracht, weil jeder mehr Ruhe hatte, sich mit dem Material zu beschäftigen und es detaillierter auszuarbeiten. In einer Studio-Situation hätte es auf jeden Fall anders geklungen, das kann ich zumindest für mich am Bass sagen. Das ein oder andere habe ich nicht mal eben eingespielt, sondern ausprobiert, wie ich es anders machen könnte. Dadurch klingt das Album vielleicht auch etwas dichter.«

Ihr seid jetzt seit 30 Jahren mit POVERTY'S NO CRIME im Geschäft und habt passenderweise auch ein neues Album in den Startlöchern. Habt ihr euch irgendetwas einfallen lassen, um den Release am 30. April zu feiern?
ANDREAS: »Eine Art 30-Jahre-Jubiläumsparty zur Veröffentlichung hätte sich angeboten, aber man braucht dieses Jahr ja überhaupt nicht damit anfangen, irgendetwas in der Hinsicht zu planen. Vielleicht kann man das im nächsten Jahr nachholen. Ich hatte tatsächlich Kontakt zu einem Club in Bremen, der uns im August noch einen Termin anbieten konnte. Das liegt dann aber schon wieder in den Ferien und außerdem dürfen wir ja formal nicht mal proben. Schön und gut, wenn wir einen Termin bekommen. Aber wenn sich diese Situation bis Juli nicht ändert, wir im August spielen sollen und nicht einmal vorher geprobt haben, finde ich das ein bisschen ungünstig. Auch wenn wir jetzt 30 Jahre dabei sind, das geht nicht.«

VOLKER: »Da habe ich gar nicht drüber nachgedacht, aber logisch. Wir müssen ja vorher proben (lacht). Aber sagt mal, die anderen Bands können doch auch nicht von 0 auf 100 auf die Bühne steigen, wenn es wieder möglich ist?«

HEIKO: »Ich glaube, es gibt super viele Leute, die im Moment proben. In einer Facebook-Musikergruppe hat irgendwer gesagt: 'In der Arbeit bin ich ja auch mit Leuten im Büro, wir proben einfach.' Und wenn du aktuelle Videoproduktionen siehst, von Sachen die in diesen Monaten veröffentlicht werden, das sind ganz normale Videos aus diesem Jahr oder dem Ende des letzten Jahres. Ich weiß nicht, da wird wahrscheinlich vorher getestet und die machen es einfach.«

VOLKER: »Und wir halten uns immer schön an die Regeln, toll!«

Die Shows, die ihr 2017 mit Psychotic Waltz gespielt habt, scheinen euch hinsichtlich des neuen Albums ziemlich motiviert zu haben. Welche Erfahrungen konntet ihr bei diesen Konzerten machen?
ANDREAS: »Das war schon cool. Ich habe die Band früher unzählige Male live gesehen. Ich glaube, das Publikum hat uns aber auch gut aufgenommen. Wir dachten uns vorher, Psychotic-Waltz-Fans sind schon ein bisschen spezieller, die interessieren sich nicht besonders für die Vorbands. Das hat aber eigentlich ganz gut funktioniert.«

HEIKO: »Wir sind super aufgenommen worden vom Publikum. Gerade das Konzert in Essen war grandios. Die Leute standen nicht da und haben die Vorband ertragen, die waren richtig dabei! Die hatten offensichtlich Spaß daran, dass wir gespielt haben und das beflügelt doch ungemein.«

War euch denn vor den Shows mit Psychotic Waltz überhaupt klar, in welche Richtung es gehen soll und wie ihr weitermachen wollt?
VOLKER: »Tja, das weiß man nie, ne (lacht)? Für uns muss irgendwie immer alles passen. Es war, glaube ich, schon klar, dass wir alle weitermachen wollen. Da müssen wir gar nicht groß drüber sprechen. Klar, Theo hatte irgendwann mal gefragt, ob wir eigentlich noch ein neues Album machen wollen und alle haben gesagt ja klar, warum nicht. Was sollen wir denn sonst machen, wir können ja nix anderes (lacht). Die Frage war nur, wann.«

ANDREAS: »Man muss ein Ziel haben, einen Stichtag. Daher kam dann wahrscheinlich die Frage auf, wie wir es angehen wollen, um einen etwas zielorientierteren Schwung reinzubringen. Um nochmal auf diesen Corona-Mist zurückzukommen, der kam uns da natürlich zugute. Es ging alles viel schneller, als wir ursprünglich damit gerechnet hatten.«

"A Secret To Hide" klingt deutlich positiver aber auch nachdenklicher als sein Vorgänger. Das ist vermutlich auch den unsicheren Zeiten im Moment geschuldet?
VOLKER: »Sicherlich. Man hatte nun mal Zeit zum Nachdenken. Viel mehr als man wollte. Insofern kann das durchaus sein. Wir sind eine nachdenkliche, tiefgründige Band und für Oberflächlichkeiten nicht zu haben.«

Ihr betont auch, dass Musik für euch nicht nur Unterhaltung, sondern auch ein Umgang mit den eigenen Gedanken ist. Hatten diese Songs also auch eine therapeutische Wirkung für euch?
VOLKER: »Für jeden ernstzunehmenden Künstler ist das immer so. Ich muss mich ja gedanklich mit der ganzen Sache auseinandersetzen und bin da tatsächlich in einer ganz anderen Welt, einer anderen Stimmung.«

ANDREAS: »Ich mache auch noch ein paar andere Sachen, ein krasseres Gegenbeispiel ist zum Beispiel ein Death-Metal-Projekt. Das ist eine ganz andere Herangehensweise. Da ballert man die Sachen rein, es steht eher der sportliche Aspekt des Ganzen im Vordergrund und dann war's das im Prinzip. Hier muss man sich mit den Songs auseinandersetzen, bis man sie spielen kann.«

VOLKER: »Wobei ich bei Theo sagen muss, ich finde es toll, dass er auch immer mehrere Seiten der Musik sieht. Klar, ich schaue auch nach rechts und links, aber ich bin in meiner Schiene drin. Theo hat einen sehr breiten Erfahrungsbereich. Das kommt der Band natürlich zugute. Ich kann mich darauf verlassen, dass er alles spielen kann, was ich mir vorstelle. Austoben muss er sich aber woanders, das ist klar (lacht).«

Wer ist denn bei POVERTY'S NO CRIME für die Härte in der Musik und den Riffs zuständig?
VOLKER: »Ich weiß nicht, wie Marco das macht, aber bei mir steht immer der Song im Vordergrund. Das Riff ist nicht die Grundlage für den Song, sondern es resultiert daraus. Dann kann es sein, dass es mal härter klingt, mal weniger hart oder einfach nur groovig. Es geht nicht mit dem Riff los. So machen es andere und das kann auch sicherlich zu tollen Resultaten führen, aber das ist überhaupt nicht meine Herangehensweise.«

MARCO: »Das ist bei mir tatsächlich ganz anders. Ich bin der Rifftyp. Ich mache mir meistens immer einen Drumbeat an, lasse mich davon inspirieren und spiele dazu dann ein Riff. Wir machen das wahrscheinlich alle anders. Volker ist der Melody-Man.«

VOLKER: »Wenn eine Songidee von Marco kommt, die eher riffbasiert oder groovig ist, dann ist das oft noch nicht der PNC-Song, der später auf dem Album steht. Der muss dann erst mal...«

MARCO: »... durch die Walsemann-Schleife (lacht).«

VOLKER: »Die Songs sind zwar in den Ansätzen super, aber irgendwo fehlt dann dieses eindeutig PNC-mäßige. Ich muss die Songs singen und ich muss dahinterstehen. Insofern hat sich das herauskristallisiert, dass ich dann für den letzten Schliff zuständig bin.«

MARCO: »Das geht alles durch den Volker-Filter, würde ich mal sagen. Auch, wenn Jörg etwas einreicht, irgendein Keyboard-Arrangement. Das muss dann noch in gewisse Bahnen gelenkt werden (lacht).«

VOLKER: »Aber Jörg ist ja ein spezieller Sonderfall (lacht). Er ist unser Krautrock-Beauftragter.«

JÖRG: »Ob das alles Krautrock ist, weiß ich nicht. Es geht eher in Richtung Jazzrock, Artrock. Ich mag es total gerne kompliziert. Wenn es schief und krumm ist und möglichst jeder Takt wieder irgendein neuer. Wenn ich solche Ideen einbringe, schlagen vier von fünf die Hände über dem Kopf zusammen und Volker rückt es dann gerade.«

In 'Grey To Green', einem der längsten Songs auf "A Secret To Hide", ist eine starke Umweltbotschaft zu erkennen. Ist das ein Thema, das euch besonders am Herzen liegt?
VOLKER: »Wir kommen alle vom Land (lacht). Eine gewisse Naturverbundenheit würde ich uns allen nicht absprechen. Theo, du lebst ja sozusagen auf einem Bauernhof.«

ANDREAS: »Genau. Der Schweinestall ist quasi nebenan, wenn auch nicht von uns.«

VOLKER: »Dazu kommt, dass wir natürlich alle Kinder der Achtziger sind. In den Siebzigern geboren und in den Achtzigern groß geworden. Wir sind mit den Grünen und Tschernobyl aufgewachsen. Dass wir die Umwelt schützen müssen, haben wir mit der Muttermilch aufgesogen. Wir Deutschen werden dafür ja manchmal belächelt, aber von vielen in der ganzen Welt auch bewundert, dass wir so konsequenten Umweltschutz betreiben. Es ist zwar nicht immer hundertprozentig ok, was mit unserer Mülltrennung und so passiert, aber ich glaube schon, dass die Deutschen eine gewisse Affinität zu ihrer Umwelt haben. Ich bin eigentlich schon immer naturverbunden gewesen und werde das auch immer mehr, je älter ich werde.«

Im Song 'Hollow Phrases' kritisiert ihr den von leeren Phrasen dominierten modernen Informationsüberfluss. Seid ihr selbst viel in den sozialen Medien unterwegs?
VOLKER: »Ich habe mich da jahrzehntelang rausgehalten, seit ein paar Wochen bin ich aber leider auch bei Facebook (lacht). Oft ist das ja Unterhaltung oder Zeitvertreib, aber das meiste davon hat keinen richtigen Mehrwert. Wie schnell ist irgendwas hingeschrieben, das für Jahre oder Jahrzehnte dort stehen bleibt. Ich habe ja wirklich Probleme damit, meine Spuren irgendwo zu hinterlassen. Ich zögere immer, irgendwo einen Kommentar zu schreiben und frage mich, warum traust du dich eigentlich nicht? Wahrscheinlich aber genau aus dem Grund. Warum soll ich das schreiben, was bringt das? Das ist keine Konversation, sondern in diesem Moment wahrscheinlich wirklich nur heiße Luft.«

In drei Jahrzehnten habt ihr sicherlich den ein oder anderen einschneidenden Wandel miterlebt. Wie problematisch seht ihr als Band die aktuelle Pandemie-Situation? Wird es bleibende Schäden geben?
ANDREAS: »Für uns wahrscheinlich nicht. Wir waren ohnehin nicht sonderlich aktiv im Live-Sektor, geschweige denn, dass wir von der Musik leben müssen und auf Live-Konzerte angewiesen sind.«

HEIKO: »Das ist ja nicht nur auf die Musik limitiert, sondern gilt genauso für das Kino. Wir hatten monatelang keine Kinostarts, da ist produktionstechnisch so richtig was in der Pipeline. Bei den Theatern und Konzerthäusern gibt es auch viele Sachen, die geprobt sind, aber nicht richtig aufgeführt werden können. Ich denke, dass man sich nicht nur auf die Musik konzentrieren sollte, sondern einfach sehen muss, welche Angebote es für die Bevölkerung da draußen gibt. Und da ist ein Überangebot an Musik noch nicht einmal das Problem, weil es einfach so viel gibt. Wie hat Herman Li das auf seinem Twitch-Kanal gesagt, als es darum ging, ob Dragonforce schnell auf die Bühne zurückkommen werden: Ganz klar nein. Es wird, wenn Konzerte wieder möglich sind, wie beim Black Friday sein, sagt er. Ein Hauen und Stechen, weil alle raus müssen. Auch die Preise bei den Bookern und Venues werden komplett kaputt sein, weil die Bands für jeden Preis spielen und in der Lage sein werden, sich ausnutzen zu lassen. Aber wir sind ja "Sponsored By Hauptjob". «

MARCO: »Ich habe schon ein bisschen Angst, dass ein paar Bands untergehen werden. Ich bin ein riesiger King's X-Fan und die verdienen ja nun auch keine Millionen. Ich habe gesehen, dass der Gitarrist jetzt einen Patreon-Account hat, auf dem er Gitarrenstunden anbietet und kleine Videos aufnimmt, damit er sich und auch sein Studio über Wasser halten kann. Da sind wir zum Glück in einer anderen Situation. Ich möchte nicht noch für Geld Gitarrenstunden anbieten, damit ich mein Leben finanzieren kann.«

Diskografie:

Symbiosis (1995)
The Autumn Years (1996)
Slave To The Mind (1999)
One In A Million (2001)
The Chemical Chaos (2003)
Save My Soul (2007)
Spiral Of Fear (2016)
A Secret To Hide (2021)

www.povertys-no-crime.de

Bands:
POVERTY´S NO CRIME
Autor:
Simon Bauer

Melde dich für unseren Newsletter an und verpasse nie mehr die wichtigsten Infos