ToneTalk

ToneTalk 29.09.2021, 08:01

POWERWOLF - »Wenn ich eine Melodie schreibe, denke ich eher an den Gesang als an die Gitarrenriffs«

Der Saarländer Falk Maria Schlegel ist bei der deutschen Metal-Institution POWERWOLF nicht nur ein Mitglied der ersten Stunde, sondern auch so etwas wie die gute Seele der Band. Wir unterhielten uns über seine Anfänge als Musiker, den beschwerlichen Weg bis zur Akzeptanz eines Keyboarders im großen Heavy-Metal-Zirkus und exzentrische Live-Auftritte.

Wie bist du Musikfan und später selbst Musiker geworden, Falk?

»Mein „Erweckungserlebnis“ war gewissermaßen ungewöhnlich. Als ich während meiner Kindertage im Rahmen des Kommunionsunterrichts die Kirche besuchte, hörte ich die Orgel spielen. Viele Menschen finden die Klänge dieses Instruments feierlich, ich fand es nur unheimlich (lacht). Ich kann den Grund dafür zwar bis heute nicht erklären, fing aber kurz darauf an, das Spielen der Heimorgel mit Fußbass und zwei Manualen zu erlernen. In dem Ort, wo ich aufgewachsen bin, gab es eine kleine Musikschule. Dort bekam ich Einzelunterricht. Während dieser Zeit entdeckte ich erst das Album „Piece Of Mind“ von Iron Maiden, das bereits einige Jahre zuvor erschienen war, und wenig später den Live-Kracher „Live After Death“; da war es um mich geschehen. Ich kam erstmals mit dieser ganz besonderen Art von Musik in Berührung, die ich vom ersten Moment an spannend, ein wenig mystisch, aber auch extrem faszinierend fand. Trotzdem habe ich nicht angefangen, Gitarre, Schlagzeug oder Bass zu lernen, sondern bin bei der Heimorgel geblieben. Bald darauf stellte sich der Wunsch ein, in einer eigenen Band zu spielen, was als Keyboarder nicht unbedingt einfach in die Tat umzusetzen war.«

Musikunterricht hast du derweil weiter genommen?

»Ja, schon… Ich habe allerdings relativ zeitnah aufgehört, auf den Notenzettel zu achten, und eher aus dem Bauch heraus gespielt. Das fiel auch meinem Lehrer auf, der mich deswegen ansprach und mahnte, das zu spielen, was auf dem Notenblatt stand. Gleichzeitig merkte er an, dass das, was ich da tat, im Grunde Songwriting sei, denn ich spielte die Stücke nach meinen eigenen Vorstellungen zu Ende. Wenig später wechselte ich von der Heim- an die Kirchenorgel, für eine Messe hat es allerdings nicht gereicht. Bis heute faszinieren mich Menschen, die in der Lage sind, ganze Konzerte an diesen riesigen Instrumenten zu geben, und dabei förmlich über die Tasten schweben.«

Wie ging es dann weiter?

»Ich war sozusagen erst mal eine Zeitlang heimatlos. Ich hatte zwar ein Instrument gelernt, war aber nicht in der Lage, es irgendwo unterzubringen. Dann kam ich jedoch zu meiner ersten Metal-Band, The Experience. Unser Album „Insight“ erschien 1999 bei AFM Records, wo zu jener Zeit auch Edguy unter Vertrag standen, die kurz zuvor „Vain Glory Opera“ veröffentlicht hatten. Tobias Sammet (Edguy-Frontmann – jp) und ich fuhren zusammen zur Popkomm, um Werbung für die erste Ausgabe des Label-Samplers von AFM zu machen, auf dem wir beide mit unseren Bands vertreten waren. Die Musik von The Experience schlug allerdings in eine ganz andere Kerbe als das, was ich heute mit POWERWOLF mache. Wir spielten düsteren Metal mit Prog-Elementen, irgendwo zwischen Iced Earth und Dream Theater, ohne vermessen klingen zu wollen. Live gestaltete sich die Sache mitunter schwierig; man wurde sozusagen ein wenig geknechtet, wenn man nicht Gitarre oder Schlagzeug spielte. Man bekam von den Technikern Dinge zu hören wie: „Ein Keyboarder? Wo soll ich den denn unterbringen? Ich habe keinen Platz mehr am Pult frei, und ich habe auch keine DI-Box.“ Dass ich immer am vorderen Bühnenrand stehen wollte, hat mit Sicherheit auch nicht geholfen (lacht).«

Wie bist du diesen Problemen entgegengetreten?

»Ganz einfach: Ich habe selbst für die Technik Sorge getragen und einfach alles mitgebracht, was man vor Ort brauchte. In meinem Koffer fanden sich neben besagter DI-Box auch alle möglichen Kabel. Außerdem brachte ich meinen eigenen Submixer mit. Somit war alles aus dem Rennen, was den lokalen Tontechniker nerven konnte; dem drückte ich dann nur noch zwei Klinkenkabel und einen Kaltgerätestecker in die Hand, damit war die Sache gegessen. Vermutlich liegt in all diesem Aufwand der Ursprung dessen, dass ich die Rolle als Keyboarder heutzutage etwas extrovertierter definiere und mich auch ein wenig in den Vordergrund dränge. Ich habe den Spieß im Lauf der Jahre sozusagen umgedreht.«

In der Tat fällst du auf der Bühne auf, weil du dich eben nicht im Hintergrund hältst. Du hast dich selbst schon mal als Front-Orgler bezeichnet, wobei dein Instrument im Grunde wenig mobil ist. Kollegen aus anderen Bands, die das ähnlich halten, greifen deswegen bisweilen auf Keytars zurück.

»Das wäre überhaupt nicht mein Ding. Ich genieße lieber das „Überraschungsmoment“. Früher war ich richtiggehend beleidigt, wenn das Keyboard in den Songs mal eine Pause hatte. Heute sehe ich das komplett gegenteilig. Es gibt bei POWERWOLF Passagen, in denen wir ganz bewusst auf Keyboards verzichten. Das verschafft mir auf der Bühne die Gelegenheit, nach vorne zu rennen, um gemeinsam mit Attila (Dorn, v. – jp) Show zu machen. Das fühlt sich befreiend an und wäre so nicht möglich, wenn ich die ganze Zeit über an meinen Platz gefesselt wäre.«

Wann hast du den Gedanken gefasst, nicht nur Hobby-, sondern Profimusiker zu werden und deinen Lebensunterhalt mit Musik zu verdienen?

»Das hatte ich mir offengestanden nie vorgenommen, aber es gab bereits während meiner Jugend verschiedene Aha-Erlebnisse. Eines davon war das Konzert von Iron Maiden in Saarbrücken 1990; im Vorprogramm haben Anthrax gespielt. Ein weiteres war der Auftritt von The Almighty beim Superrock Festival in Mannheim zwei Jahre später. Nach diesen beiden Shows wusste ich genau, dass ich unbedingt auf die großen Bühnen wollte, doch wie sollte das möglich sein? Als weiterer entscheidender Faktor kam sicherlich hinzu, dass ich direkt mit meiner ersten Band einen Plattenvertrag hatte. Damit war ich dem Ziel, mehr und größere Shows zu spielen, auf einen Schlag ein ganzes Stück näher gekommen. Genauso standen POWERWOLF vom Start weg bei Metal Blade unter Vertrag. Ich hatte das große Glück, nicht nur auf ein gutes Umfeld zu stoßen, sondern auch auf Mitmusiker, die wie ich verrückt danach waren, zu unterhalten und auf so vielen Bühnen wie möglich zu stehen. Erst im zweiten Schritt kam der Gedanke auf, dass ich nicht mehr parallel in einem Dayjob arbeiten konnte, weil der Aufwand, den wir für die Band betrieben, einfach zu groß wurde.«

Hast du im Laufe der Jahre noch weitere Instrumente erlernt, oder ist es immer bei der Orgel geblieben?

»Im Grunde ist es dabei geblieben. Ich kann auf der Gitarre ein paar Power-Riffs spielen und setze mich leidenschaftlich gerne hinters Drumkit, wo ich durchaus auch ein paar Takte mittrommeln kann, aber für mehr reicht es nicht. Wenn ich noch ein Instrument erlernen würde, wäre es definitiv das Schlagzeug – auch wenn ich dann nicht nach vorne rennen könnte, sondern an meinem Platz bleiben müsste (lacht). Das mag sich jetzt wie ein Widerspruch anhören, aber ich finde, dass der Schlagzeuger oft derjenige ist, der den Laden zusammenhält. Er steht also in gewisser Weise trotzdem im Mittelpunkt, obwohl er nicht mobil ist. Außerdem mag ich die Wucht der Bassdrum…«

Der Keyboard-Sound auf den letzten POWERWOLF-Veröffentlichungen kratzt an der Grenze zur Perfektion. Dein Instrument klingt wuchtig und definiert, drängt sich aber trotzdem nicht in den Vordergrund. Worin liegt dein Geheimnis?

»Ich würde das gar nicht als „mein Geheimnis“ bezeichnen, sondern eher als Lösung für ein Problem, das ich über die Jahre hin ausgemacht hatte. Als Fredrik Nordström seinerzeit unser Debütalbum „Return In Bloodred“ produzierte, war ich nicht nur bei den Aufnahmen, sondern auch während des Mischens anwesend. Ich hatte das Gefühl, dass die unausgesprochene Frage im Raum stand, wie man die Orgel sinnvoll im Mix unterbringen sollte. Das Problem ist, dass dieses Instrument ein unfassbares Klangspektrum mit vielen Mitten und Tiefen hat. Sobald man es lauter macht, wird es so präsent, dass es den ganzen Sound zerschießt. Die Aufgabe bestand also darin, es so im Mix unterzubringen, dass das Ergebnis immer noch nach uns klang, ohne dass alle Frequenzen blockiert wurden. Wenn man sich die Orgel auf einer POWERWOLF-Platte alleinstehend anhört, klingt sie nicht unbedingt dünn, aber relativ leise. Dadurch, dass wir andere Frequenzen als für die restlichen Instrumente verwenden, bleibt sie dennoch deutlich hörbar. Dieses Vorgehen zu perfektionieren, hat eine gewisse Zeit gedauert. Ich kann mich noch an Produktionen erinnern, wo wir die Orgel sehr leise drehen mussten, weil wir den Gesamtmix nicht vernünftig hinbekommen haben. Live halte ich das übrigens genauso.«

Hast du musikalische Vorbilder – und gibt es jemanden, den du als besten Keyboarder aller Zeiten bezeichnen würdest?

»Im Grunde genommen nicht, aber wenn ich wirklich jemanden nennen müsste, dann wäre es natürlich Jon Lord (Deep Purple – jp). Sein Orgelspiel ist der absolute Wahnsinn, hat aber mit dem, was ich tue, nicht allzu viel gemeinsam. Wenn ich eine Melodie schreibe, denke ich eher an den Gesang als an die Gitarrenriffs.«

Zu guter Letzt: Betätigst du dich abseits der Musik noch in irgendeiner Art und Weise künstlerisch?

»Nein. Ich bin jede wache Minute mit POWERWOLF beschäftigt und kümmere mich da nicht nur um mein Instrument, sondern auch um ganz viele andere Dinge, zum Beispiel unsere Videos, die Bühnenauftritte und die künstlerische Gesamtvision. Da bleibt keine Zeit mehr, nebenbei noch irgendetwas anderes anzugehen. Anfragen kommen in der einen oder anderen Form durchaus immer mal wieder rein, bisher habe ich aber alles abgelehnt. Ich schreibe allerdings immer mal wieder an Geschichten, die man früher oder später in Form von Kinderbüchern veröffentlichen könnte. Das sind Storys, die ich mir ausgedacht und meiner Tochter erzählt habe. Ich verfolge das Vorhaben nicht konsequent, aber ab und zu geht die Fantasie mit mir durch.«

www.powerwolf.net

www.facebook.com/powerwolfmetal

DISKOGRAFIE

mit The Experience:

Realusion (1997)

Insight (1999)

mit Powerwolf:

Return In Bloodred (2005)

Lupus Dei (2007)

Bible Of The Beast (2009)

Blood Of The Saints (2011)

Preachers Of The Night (2013)

Blessed & Possessed (2015)

The Sacrament Of Sin (2018)

Call Of The Wild (2021)

Bands:
POWERWOLF
Autor:
Jens Peters

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