Interview


Pic: Sebastian Smith

Interview 17.07.2019, 13:51

SCOTT STAPP - Mehr miteinander

Im Interview zum bald erscheinenden neuen Soloalbum „The Space Between The Shadows“ zeigt sich der Creed-Frontmann nicht nur als überaus höflicher, sondern ebenfalls sehr aufschlussreicher Gesprächspartner, der auch bei persönlichen Themen gerne ins Detail geht. Dabei gewährt er nicht nur Einblicke in die eigene Lebensgeschichte, sondern bietet auch Vorschläge für einen liebevolleren Umgang der Menschen miteinander.

Scott, im ersten Song vom neuen Album fragst du „What happened to the world I used to know?” Wie hat sich die Welt für dich seit deiner letzten Platte „Proof Of Life“ (2013) verändert?

»Seit „Proof Of Life“ gab es viele bedeutsame Entwicklungen in meinem Leben. Am wichtigsten war sicherlich, dass ich meinen Lebensstil im Hinblick auf meine Gesundheit komplett umgestellt habe. Ich trinke nicht mehr, ernähre mich gesünder und treibe mehr Sport. Zum Beispiel laufe ich jeden Tag fünf bis sieben Meilen. Ich hab’s mir auch abgewöhnt, aus Gründen der Geselligkeit zu rauchen. So gesehen hat sich mein Leben auf jeden Fall gesundheitlich stark verändert. Aber in dem von dir erwähnten Song geht es auch um meine Beobachtung der Welt um mich herum, besonders von einem politischen Standpunkt aus und hinsichtlich der Entwicklungen in Amerika. So hat die Songidee aber ursprünglich gar nicht angefangen. Der Track war, soweit ich mich richtig erinnere, der zweite, den ich fürs Album geschrieben habe. Das war in einer Phase, in der ich auf der Suche nach Kreativität und meiner persönlichen Muse war, um das Album ins Rollen zu bringen. Der Song wurde dabei aus einer Idee geboren, die es nicht aufs Album geschafft hat und 'Where Are You Now, When I Need You Most' hieß. Wenn ich mal das Gefühl habe festzustecken, singe ich darüber, um die Mauern zu meinem Unterbewusstsein zu durchbrechen. Der Song fing also als Schrei nach Inspiration und Kreativität an und entstand, als ich meine inneren Mauern dann niederreißen konnte. So verwandelte sich das Lied dann in einen eher beobachtenden Song. Aber in dem Stück gibt es immer noch Elemente, in denen ich über mein Leben reflektiere und versuche, Erinnerungen an Erlebtes wachzurufen. Obwohl es jetzt dieser politische Song geworden ist, steckt also immer noch die persönliche Bedeutung für mich darin.«

Woher stammt die gesprochene Ansage, die am Anfang des Songs zu hören ist?

»Da sind mein Produzent und ich drüber gestoßen und ich kann dir gar nicht mehr genau sagen, wo wir die Ansage herhaben und wer dahintersteckt. Aber nachdem wir das Sprach-Sample gefunden hatten und ich feststellte, dass man dafür keine Lizenz brauchte, empfand ich es einfach als perfekt passend, um das Album einzuleiten.«

Bist du inzwischen näher daran, den von dir besungenen 'Purpose For Pain' zu finden?

»Ja, auf jeden Fall. Ich musste auch erstmal an diesen Punkt gelangen, um den Song wirklich zu schreiben. Was für mich die Quintessenz ist: Egal, welche Tragödie, welchen Konflikt oder welche schmerzhafte Situation im Leben wir durchschreiten, und egal, wie schwer diese Situation aus sein mag, man kann daraus noch immer etwas Positives gewinnen. Man kann versuchen, einen Sinn hinter dem Durchlebten zu erkennen und hieraus Stärke und Hoffnung gewinnen, um sich auf die andere Seite dieser negativen Situation durchzuschlagen. Ich persönlich habe mir gesagt: „Hey, lerne daraus und werde durch deine Erlebnisse stärker, dann kannst du vielleicht jemandem anderen helfen, der durch eine ähnliche Situation geht.“ So konnte ich damit aufhören, mich lediglich auf die schmerzhafte Situation zu konzentrieren, und damit anfangen, mich darauf zu fokussieren, was ich machen kann, wenn die negativen Erlebnisse erst einmal überwunden sind. Daher sehe ich die unschönen Momente im Leben auch nicht als verschwendete Zeit oder als rein schmerzhafte Erinnerungen.«

Gut, dass du schon die schwierigen überstandenen Lagen in deinem Leben erwähnt hast. In welcher Lebenssituation hast du für dich selbst erstmals gemerkt, dass du ein 'Survivor' bist und es immer irgendwie weitergeht?

»Ich glaube, das war, nachdem ich fünf Jahre nüchtern war. Da konnte ich auf mein Leben zurückblicken und darüber nachdenken, wie glücklich ich mich schätzen konnte, dass ich bis hierhin überlebt habe. Daraus entstand dann der Song 'Survivor'. Ich wollte das Lied mutmachend gestalten, und nicht wie einen furchtsamen Rückblick auf schwierige Lebenssituationen wirken lassen. Wie gesagt, ich möchte damit Anderen helfen, die durch vergleichbar schwierige Situationen gehen.«

Wie bist du auf den Kinderchor gestoßen, der dich in 'Wake Up Call' unterstützt?

»Dahinter stecken tatsächlich meine eigenen Kinder, meine Tochter Melan und mein Sohn Daniel. Außerdem haben uns ein paar ihrer Freunde unterstützt, aber hauptsächlich haben wir die Stimmen der Beiden genutzt. Sie haben ihre Stellen mehrfach eingesungen und wir haben diese verschiedenen Gesangsaufnahmen dafür genutzt, um den Chor entstehen zu lassen. Melan ist 12 und Daniel ist 9. Es ist toll, dass sie im Studio dabei waren und jetzt auch ein Teil des Albums sind. Die Beiden sind auch selber total musikverrückt, spielen Instrumente und singen. Meine Tochter macht auch am Computer ihre eigene Musik. Im Studio dabei zu sein, war also nicht nur für mich eine großartige Erfahrung, sondern auch für meine Kids total aufregend.«

Du singst in 'Red Clouds' darüber, dass nur noch in „black and white“ kategorisiert wird. Glaubst du, dass es zu den meisten Themen nur noch extreme Ansichten, aber nichts mehr in der Mitte gibt?

»Auf jeden Fall. Das Album heißt ja auch „The Space Between The Shadows“, also geht es darum, was uns zusammenbringt und was uns auseinanderreißt. In dem Lied singe ich darüber, was uns Menschen trennt und teilt. Aber es geht auch noch um etwas anderes, deshalb benutze ich die Farbe Rot: Sie steht ja auch für Leidenschaft, Inspiration, göttliche Führung oder Liebe. Natürlich kann sie ebenfalls Sachen wie Zorn repräsentieren. Aber in der Form, wie ich die Farbe hier verwende, rufe ich damit nach dem Göttlichen, nach Leidenschaft und nach intensiver Liebe, von denen ich hoffe, dass sie über mich und die Welt kommen. Das war der Gedanke dahinter und hierbei handelt es sich auch um einen meiner Lieblingssongs auf dem Album.«

Stehst du noch im Kontakt zu deinen alten Creed-Kollegen, die nun wieder bei Alter Bridge musizieren?

»Ja, auf jeden Fall. Erst vor ungefähr einem Monat haben Mark Tremonti und ich am Telefon über eine Stunde gequatscht und uns über alles Mögliche unterhalten, von unseren Familien über die Gesundheit bis zur Musik. Wir verstehen uns sehr gut. Scott Phillips und ich liefen uns auch immer wieder über den Weg und wir haben uns schon immer klasse verstanden. Mit den alten Creed-Kontakten ist also alles bestens. Aber neue Musik wird es in naher Zukunft eher nicht geben. Ich widme meine ganze Leidenschaft meiner derzeitigen Musik und den Jungs geht es genau so mit ihrer Musik. Sollte sich das irgendwann mal ändern oder es etwas Neues über Creed zu sagen geben, werden wir natürlich alle daran teilhaben lassen. Aber für all diejenigen, die sich wundern, wie es um unseren Kontakt bestellt ist: Wir verstehen uns super.«

Du bist diesen Sommer erstmal auf Tour in den Staaten unterwegs. Wie stehen die Chancen, dich bald auf deutschen und europäischen Bühnen zu sehen?

»Da befinden wir uns gerade im Buchungsprozess, besonders in Deutschland. Da haben wir erst vor zwei, drei Tagen mit der Aufstellung der Planung begonnen und in den nächsten Monaten wird alles in trockene Tücher gewickelt. Dann kommen wir nächstes Jahr zu euch rüber. Es wird auf jeden Fall passieren, dass kann ich euch versprechen. Ich kann nur noch nicht genau sagen, ob es das erste oder zweite Quartal wird.«

Im letzten Song des Albums fasst du noch einmal zusammen, dass du einiges im Leben durchgestanden hast und inzwischen zum Lieben bereit bist. Frage zum Abschluss: Was wäre deiner Meinung nach der wichtigste Schritt, dass mehr Menschen weltweit 'Ready To Love' sind?

»Das ist eine großartige Frage und ich bin sehr froh, dass du mir sie stellst. Für mich liegt der Schritt darin, an einen Punkt im Leben anzukommen, an dem ich alles aus meinem Leben entferne, was mich daran hindert, das Wohl Anderer über mein eigenes zu stellen. Ich kann nicht behaupten, dass ich schon vollständig an diesem Punkt angekommen bin oder in 100 Prozent der Fälle so handle, aber das ist auf jeden Fall die Leitlinie für mein Leben. Und dadurch fühle ich mich auch endlich ‚Ready To Love‘. Das Wohl anderer über sein eigenes zu stellen, ist für mich also die Quintessenz dessen, was Liebe ist. Das ist der Schlüssel, um an diesen Punkt zu gelangen.«

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Bands:
SCOTT STAPP
Autor:
Lukas Höpfner

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