Classic Albums

Classic Albums 26.09.2012

JUDAS PRIEST - Screaming For Vengeance (1982)

Genau 30 Jahre ist die Erstveröffentlichung des bis heute erfolgreichsten Albums von JUDAS PRIEST her: „Screaming For Vengeance" bedeutete 1982 für die Briten den Durchbruch in Amerika und bescherte der Band ein Jahr später einen Auftritt auf dem legendären US Festival vor 375.000 Fans.

Das stolze Jubiläum der Platte, die mit Klassikern wie ´Riding On The Wind´, ´The Hellion/Electric Eye´ und ´You´ve Got Another Thing Comin´´ zur Standardausrüstung jedes Metallers gehört, wird nun mit einer Sonder-Edition gefeiert, die Fans nicht nur Liveaufnahmen aus San Antonio im Jahre 1982 zugänglich macht, sondern auch eine DVD mit dem Auftritt auf dem Festival in San Bernardino am 29. Mai 1983, der zu den großartigsten JUDAS PRIEST-Gigs aller Zeiten zählt.

»Es ist wirklich großartig, dass wir mit dieser DVD quasi einen visuellen Brückenschlag in die damalige Zeit vollbringen«, freut sich auch Sänger Rob Halford über die Sonderausgabe des Klassikers. »Unser Album „Screaming For Vengeance" ist auch 2012 noch wichtig und klingt so frisch wie damals, als wir es 1982 aufnahmen. Gefilmte Aufnahmen wie die aus San Bernardino sind dazu eine absolute Bereicherung, weil man die Möglichkeit hat, einen Zeitsprung zu erleben. Man kann sich angucken, wie die Leute gekleidet waren und welche Frisuren sie hatten, außerdem sieht man die Technik auf der Bühne, die damals zur Verfügung stand. Es handelt sich dabei zwar nur um einen Mikrokosmos, aber man erkennt dennoch, wie die Welt vor 30 Jahren in Amerika war.«

An den Auftritt kann sich der Brite gut erinnern:

»Die Show war für uns enorm wichtig. Fast 400.000 Leute waren da, das ist der Wahnsinn. Ich glaube, das ist die größte Menschenmenge, die jemals bei einem Festival war. Es war extrem heiß an diesem Tag, auf der Bühne herrschten 44 Grad, und wir hatten ja noch den ganzen Lederkram an. Die Bühnenproduktion war - von unserem Motorrad abgesehen - natürlich sehr simpel. Es war taghell, deshalb konnte man keine Lichteffekte oder spezielle Sachen bringen. Dafür sieht man die Qualität und Power von Heavy Metal. Die Band steht ohne große Extras auf der Bühne und unterhält fast eine halbe Million Menschen. Und jeder hatte Spaß! Das war für JUDAS PRIEST und allgemein für den Metal ein großer Tag.«

Bevor es jedoch so weit war und Priest eine großartige Performance des damals ganz neuen Hits ´You´ve Got Another Thing Comin´´ hinlegten, musste erst mal das achte Studioalbum der Band in den Ibiza Sound Studios aufgenommen werden. Schon für den Vorgänger „Point Of Entry" hatte man sich dort eingemietet. Die Entscheidung, den Nachfolger ebenfalls in Spanien aufzunehmen, traf man also ganz bewusst.

»Ja, weil uns die gute Stimmung und die besondere Atmosphäre aus dem Jahr zuvor in Erinnerung geblieben waren. Wir hatten einen festen Zeitplan für diese Veröffentlichung: Wir mussten an einem bestimmten Tag im Studio loslegen und es an einem bestimmten Tag wieder verlassen. Und die Platte musste ebenfalls an einem bestimmten Tag erscheinen. Deshalb entschieden wir uns für Ibiza«, erklärt der 61-Jährige den Entschluss, auf Nummer sicher zu gehen. »Außerdem ist Ibiza eine wunderschöne Insel, auf der die Sonne immer scheint, auch wenn das wahrscheinlich nicht gerade die beste Atmosphäre für Metal ist (lacht). Ich bevorzuge ja Regen. Wir hatten jedenfalls in diesem Studio positive Erfahrungen gemacht und mit „Point Of Entry" ein tolles Resultat erzielt. Für „Screaming For Vengeance" kehrten wir also an einen Ort zurück, an dem wir uns wohlfühlten. Das ist meiner Meinung nach sehr wichtig. Aber noch wichtiger war es für uns, dass man sich dort von der Außenwelt abschotten und auf die Arbeit konzentrieren konnte.«

Dank Freund und Produzent Tom Allom verstärkte sich die Vertrautheit des Arbeitsumfelds noch, wie Halford beschreibt:

»Unser erster Kontakt mit Tom entstand, als er unser Livealbum „Unleashed In The East" mixte, bevor er die Produktion von „British Steel" übernahm und einen so fantastischen Job machte, dass wir wussten, dass wir auch für unsere nächsten Alben den richtigen Mann gefunden hatten. „Screaming For Vengeance" war also schon die vierte Veröffentlichung, die wir mit ihm angingen. Seine Produktion von „Screaming For Vengeance" ist absolut bemerkenswert und unterscheidet sich von den vorherigen Alben. Auf der Platte herrscht eine ganz besondere Atmosphäre. Wenn man sich zuerst „British Steel", danach „Point Of Entry" und anschließend „Screaming For Vengeance" anhört, stellt man eine enorme Entwicklung fest, was Produktion und Sound angeht. In allererster Linie sollte ein Produzent eine Vision haben. Ich weiß nicht, ob Tom eine hatte, aber er hatte auf jeden Fall eine Menge Gin Tonic«, lacht Halford. »Tom verstand jedenfalls, wie die Band arbeitete und funktionierte, wenn es um das Schreiben und Aufnehmen von Songs ging. Außerdem kannte er unsere unterschiedlichen Charaktere und schaffte es, aus jedem von uns die beste Leistung rauszukitzeln. Im Laufe der Jahre entwickelte sich eine enge Beziehung zwischen Tom und uns. Wir arbeiten auch heute noch mit ihm. Er hat den Mix unserer demnächst kommenden „Epitaph"-Livescheibe übernommen, für die wir die Show im Hammersmith mitgeschnitten haben.«

Bei der Songauswahl für „Screaming For Vengeance" hatte die Plattenfirma - das amerikanische Label Columbia - Mitspracherecht, wie sich an einem Stück zeigt, das als einziges auf der Platte nicht aus der Feder der Priest-Mitglieder stammt.

»Priest standen kurz davor, größer zu werden, und wir waren zum Glück intelligent genug, um zu begreifen, dass man, wenn man auch in Amerika bekannter werden wollte, Präsenz im Radio benötigte. Unsere Plattenfirma trat mit der Idee an uns heran, zusammen einen Song zu finden, der sich für das Radio eignete, weil sie das Gefühl hatten, dass der Durchbruch dann schneller gelingen würde. Wir hatten schon vorher Songs anderer Künstler aufgenommen, zum Beispiel ´Diamonds And Rust´ oder ´Green Manalishi´, deshalb hatten wir keine Einwände. Als wir ´(Take These) Chains´ von Bob Flannigan Jr. hörten, gefiel uns die Nummer gut, außerdem klang sie wie ein richtiger Priest-Song. Das war der ausschlaggebende Grund dafür, dass wir uns mit Bob zusammentaten. Der Hauptgrund dafür, dass der Song auf dem Album landete, war allerdings die Meinung des Labels, das davon ausging, dass ´(Take These) Chains´ besonders in Amerika ankommen würde. Das Stück wird auch heute noch auf US-Classic-Rock-Sendern gespielt, aber dennoch war es ein Song von Glenn, K.K. und mir, der uns in Amerika den Durchbruch bescherte.«

Die Rede ist von ´You´ve Got Another Thing Comin´´. Nur durch Zufall schaffte es der ultimative Priest-Klassiker auf die Platte.

»Das Stück kam in letzter Minute auf das Album. Wir hatten keine Zeit gehabt, Songs zu schreiben, deshalb entstand eine Menge des Materials erst während der Aufnahmesession im Studio. Heute ist es für mich kaum vorstellbar, das so was möglich ist, aber so haben wir damals gearbeitet«, grinst der Sänger angesichts der heutigen durchgeplanten Produktionen aktueller Priest-Scheiben. »´You´ve Got Another Thing Comin´´ war der letzte Track, den wir schrieben. Er war sehr simpel und erschien uns nur „ganz nett", weil er nicht diese technische Komplexität von ´Riding On The Wind´ oder die Qualität des Titeltracks hatte. Normalerweise stellt man die Songs, bei denen man davon ausgeht, dass sie gut ankommen, an die ersten drei oder vier Positionen, deshalb versteckten wir den Track quasi an achter Stelle. Und aus welchem Grund auch immer: Er wurde der erfolgreichste Song der ganzen Platte. Ich schätze, es hat mit der Einfachheit zu tun. Das ist wie bei ´Living After Midnight´: Die einfachen Tracks werden von den Leuten am besten verstanden und erreichen auch die Personen, die man sonst nicht erreicht. ´You´ve Got Another Thing Comin´´ hat zudem eine großartige Melodie. Daraus entstand eine Kombination, die in allen Musikgenres erfolgreich ist: Die einfachen Songs werden die größten.«

Das eingängige Riff sorgte auch dafür, dass der Song Jahre später zur beliebten Untermalung für Werbetrailer wurde. Die amerikanische Fastfood-Kette Burger King machte den Anfang.

»Das stimmt. Und momentan wird die Anfangssequenz des Songs vom Autohersteller Honda für eine Werbung verwendet. Ich habe neulich den Fernseher angemacht und gedacht: Moment mal, das ist doch ein Priest-Song, hahaha! Das ist toll! Es gibt Leute, die finden so was scheiße, aber das sehen wir völlig anders. Ich finde, dass solche Aktionen die Bedeutung von Heavy Metal zeigen, wenn Heavy Metal sogar in einem Mainstream-Werbeclip zu hören ist. Der Song hat einen so kulturellen Wert, dass man auch 30 Jahre später noch Leute damit erreichen kann.«

Reich wurden Priest durch diese Kooperation nicht.

»Nein, richtig viel haben wir nicht bekommen«, winkt Halford ab. »Als wir das erste Mal wegen so einer Sache angesprochen wurden, haben wir eher daran gedacht, dass es besser ist, zuzusagen, bevor es vielleicht jemand anderes macht und wir es bereuen, abgelehnt zu haben. Im Endeffekt ist es doch eine Win-win-Situation. Als Fan denkst du: Oh, da läuft mein absoluter Lieblingstrack von Priest, und du hast Spaß an einem Burger-King-Essen (lacht).«

Trotz der vielen Klassiker auf dem mit Doppelplatin ausgezeichneten Album zögert Halford keine Sekunde, als es um sein Lieblingsstück geht:

»Das ist ganz klar ´Screaming For Vengeance´. Ich liebe die musikalische Komposition, die sehr ungewöhnlich ist. Kein anderer Track klingt so. Der Song hat eine Menge Aggression und Power, außerdem mag ich die Message, dass man für sich selbst einstehen, an sich glauben und sich nichts gefallen lassen soll. Genau das ist es, was Heavy Metal ausmacht.«

So unnahbar Halford heute auch wirkt, verkörperte er vor 30 Jahren diese Heavy-Metal-Power perfekt und strotzte nur so vor Selbstbewusstsein. Auch der verrückte Fan, der beim US Festival auf die Bühne kletterte und sich an dem lachenden Sänger festklammerte, konnte ihn nicht verunsichern.

»Nein, ich hatte keine Angst, das war nur ein kleiner Extrakick«, erinnert er sich an die Situation, die wahrscheinlich nur auf Bootlegs zu sehen ist. »Dadurch kommt einem so eine Show sogar wirklicher vor. Auch auf unserer „Epitaph"-Tour ist mir das gerade passiert - in Südamerika. Damit bringen die Fans ihre Liebe zu einer Band zum Ausdruck; sie müssen dann einfach auf die Bühne und jemanden anfassen«, zeigt er sich überraschend verständnisvoll. »Ich möchte jetzt aber niemanden dazu ermutigen, bei uns auf die Bühne zu klettern. Ich versuche, da zu arbeiten (lacht). Ein bisschen furchteinflößend ist es natürlich schon, weil man nicht genau weiß, was passiert, aber es ist auch cool, weil es zeigt, welche mitreißende Wirkung Heavy Metal auf die Leute haben kann.«

www.facebook.com/officialjudaspriest

Das Line-up auf „Screaming For Vengeance"

Rob Halford (v.)
Glenn Tipton (g.)
K.K. Downing (g.)
Ian Hill (b.)
Dave Holland (dr.)

Fakten, Fakten, Fakten

Erstveröffentlichung: 17. Juli 1982
Songs: 10
Spielzeit: 38:52
Produzent: Tom Allom
Studio: Ibiza Sound Studios (Ibiza, Spanien)

Die Songs

The Hellion
Electric Eye
Riding On The Wind
Bloodstone
(Take These) Chains
Pain And Pleasure
Screaming For Vengeance
You´ve Got Another Thing Comin´
Fever
Devil´s Child

DISKOGRAFIE (nur Studioalben)

Rocka Rolla (1974)
Sad Wings Of Destiny (1976)
Sin After Sin (1977)
Stained Class (1978)
Killing Machine (1979)
British Steel (1980)
Point Of Entry (1981)
Screaming For Vengeance (1982)
Defenders Of The Faith (1984)
Turbo (1986)
Ram It Down (1988)
Painkiller (1990)
Jugulator (1997)
Demolition (2001)
Angel Of Retribution (2005)
Nostradamus (2008)

Bands:
JUDAS PRIEST
Autor:
Jenny Rönnebeck

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