Schwatzkasten

Schwatzkasten 16.01.2008

SERJ TANKIAN - SERJ TANKIAN (System Of A Down)

SERJ TANKIAN ist der markante Kopf von System Of A Down, Co-Gründer der mit Tom Morello ins Leben gerufenen Axis Of Justice, Chef des Labels Serjical Strike und seit kurzem auch poetisch-politischer Solokünstler mit Hang zur exzentrischen Selbstdarstellung. Im Schwatzkasten plaudert der 40-Jährige über seinen Bezug zu Abba, bizarre Träume, Reinkarnation und das Ende der Zivilisation.

Serj, wo bist du aufgewachsen?

»Geboren wurde ich im Libanon, aufgewachsen bin ich in Los Angeles, wohin meine Eltern emigrierten, als ich sieben Jahre alt war und in unserer Heimat der Bürgerkrieg begann. Meine Familie ist sehr groß. Ich habe zwar nur einen einzigen Bruder, aber sehr viele Cousins, die auch in den USA leben. In dem Kulturkreis, dem ich entstamme, ist es wichtig, der Familie nah zu sein. Sie erdet einen immer wieder.«

Gehörtest du in der Schule zu den Rotzlöffeln oder zur Streberfraktion?

»Ich gehörte definitiv zu den Strebern. Auch meine besten Freunde waren Vorzeigeschüler mit Super-Noten.«

Wie bist du mit Musik in Berührung gekommen?

»Durch meine Eltern. Während meiner Kindheit hörte ich viel World Music, Folk und armenische Revolutionsmucke. Aber auch arabische, griechische und französische Klänge liefen bei mir. Während der siebziger Jahre stand ich auf Abba, die Bee Gees und urigen Soul. Im nächsten Jahrzehnt kamen New Wave und Gothic dazu. Erst in den späten Achtzigern begann ich mich für Rockmusik zu interessieren. Als Twen entdeckte ich schließlich Punk, Heavy Metal, Death Metal und HipHop.«

Wann hast du begonnen, selbst Musik zu machen?

»Mit 19 Jahren spielte ich erstmals Keyboard auf dem College. Später kamen Gitarre und Gesang hinzu.«

Spielst du auch traditionelle Instrumente aus deinem Herkunftsland?

»Ich besitze eine alte armenische Flöte, die ich aber leider nicht gut spiele. Das überlasse ich meinen Freunden. Die sind diesbezüglich talentierter. Außerdem habe ich eine armenische Violine, die ich ebenfalls nicht beherrsche. Im Endeffekt geht es mir aber sowieso nur darum, dass ich mit diesen Instrumenten schrägen Krach erzeugen kann - und dass sie schön aussehen.«

Kannst du dich noch an deine erste Band erinnern?

»Anfangs war ich Keyboarder in einer Band mit dem Namen Forever Young, die armenisch-amerikanischen Rock spielte. Danach gründete ich mit Daron Malakian Soil. Und schließlich wurde ich ein Teil von System Of A Down.«

Wie verlief dein erster Auftritt?

»Das war mit Forever Young. Wir zockten in Los Angeles in einer Art Gemeindezentrum vor ein paar hundert Zuschauern.«

Was war der schlimmste Job, den du je angenommen hast?

»Ich habe mal einen Sommer lang im Schuhladen eines Bekannten meiner Eltern als Verkäufer gearbeitet. Das war nicht mein Ding. Darüber hinaus habe ich schon eine eigene kleine Waschanlage und eine Software-Firma geführt und als Buchhalter gearbeitet.«

Gibt es etwas, was du total hasst?

»Wenn ich von Journalisten zu Klatschgeschichten über Britney Spears und Paris Hilton befragt werde, schalte ich sofort ab.«

Wann hast du das letzte Mal geweint?

»Das war bei den „MTV European Music Awards" in München, wo ich einen Award an 30 Seconds To Mars vergeben durfte. Als ihr Sänger Jared Leto zu mir auf die Bühne kam, schossen mir plötzlich die Tränen in die Augen, weil die Nebelmaschine zu stark arbeitete. Ich überreichte ihm die Auszeichnung, trat einen Schritt zurück und weinte. Im gleichen Moment dachte ich mir: „Mein Gott, ich muss gerade echt lächerlich aussehen!"«

Was war der peinlichste Moment deines Lebens?

»Das verrate ich nicht.«

Gibt es etwas, wovon du nachts regelmäßig träumst?

»Ich träume oft von Menschen. Dabei sind meine Lieblingsträume eigentlich die, in denen keine Menschen vorkommen. Lieber ist es mir, wenn ich im Schlaf fliege, schwimme oder schwebe. Im Idealfall schenkt mir das Universum im Traum einen neuen Song, an den ich mich erinnern kann, wenn ich wieder aufwache. Das Lied ´Baby´ ist so entstanden. Vor Jahren übernachtete ich in Paris in einem Hotel. Als ich schlief, konnte ich in meinen Träumen zwei Kompositionen sowohl hören als auch sehen. Die eine war ein komplettes Orchesterstück mit Streichern und Bläsern von neun Minuten Länge, dessen Melodie ich sogar summte. Leider habe ich es nicht in Erinnerung behalten. Die andere war der Song ´Baby´, dessen Akkorde ich vor meinem geistigen Auge sehen konnte. Und in meinem Kopf hörte ich eine Stimme die Textzeile „Baby, oh baby!" singen. So eine Nummer würde ich bewusst nie schreiben. Das Stück ist mir einfach im Traum zugeflogen.«

Gibt es noch weitere bizarre Entstehungsgeschichten von Songs aus deinem Repertoire?

»Ich mag es, mich beim Komponieren in ungewöhnliche Situationen zu versetzen. Wo auch immer ich hingehe, habe ich ein kleines Aufnahmegerät bei mir, mit dem ich Geräusche festhalte, die ich später als Sample umarrangiere, beschleunige, verlangsame, neu pegele oder dupliziere. Gleiches mache ich mit Gitarren-, Gesangs- und Keyboard-Aufnahmen, die ich selber eingespielt habe. Der Song ´Praise The Lord And Pass The Ammunition´ ist größtenteils auf diese Weise entstanden. So gehen Töne eine Beziehung miteinander ein, die normalerweise nichts miteinander zu tun haben.«

Nimmst du solche Samples auch in fremden Ländern und Kulturen auf?

»Ja, regelmäßig. Es kann passieren, dass ich einem Straßenmusiker, der meinen Weg kreuzt, Geld gebe und ein paar Sekunden seines Auftritts aufzeichne. In Berlin habe ich mal die Musik eines Drehorgel-Spielers aufgenommen und später in einem Song verarbeitet.«

Noch mal kurz zurück zum Thema Träume: Was war der berührendste Traum, den du je hattest?

»Das war ein Traum, in dem ich am Strand stand und eine haushohe Welle auf mich zukommen sah. Ein paar Meter vor mir fiel sie in sich zusammen, und aus ihr purzelten zwei Tiere. Das eine war eine Gans, das andere ein Hund mit einem großen Loch an der Stelle, wo normalerweise das Herz ist. Ich habe den ganzen Traum niedergeschrieben. Er ist immer noch in meinem Kopf. Man muss den Gefühlen Beachtung schenken, die ein Traum transportiert. Sie sind wichtiger als die Bilder, die man sieht, denn die sind vielseitig interpretierbar und leiten einen oft in die Irre.«

Was war der bizarrste Dialog, den du je geführt hast?

»Meine Freunde und ich blödeln oft in Form des Scat-Gesangs mit rhythmischen, zusammenhanglosen Silben. Das sind total sinnlose Konversationen, in denen es einfach nur darum geht, sich totzulachen. Lachen ohne Grund ist sowieso eine der besten Sachen der Welt.«

Kannst du denn auch gut Witze erzählen?

»Nein, überhaupt nicht.«

Welche Interessen hast du neben der Musik?

»Ich liebe alle Künste, denn sie sind ein perfekter Spiegel unserer Realität und unserer Träume. Manchmal verkörpern sie auch die nagenden Fragen unserer Gegenwart. Ich interessiere mich für Film, Malerei, dreidimensionale Kunst und Grafik. Eigentlich finde ich alles spannend, was mich umgibt. Politik, Ökologie und Wirtschaft. Auf gewisse Art und Weise ist ja auch alles miteinander verbunden. Oberflächlichkeit lehne ich allerdings ab. Sie ist reine Zeitverschwendung.«

Wofür gibst du viel Geld aus?

»Für Essen.«

Was ist das Teuerste, das du besitzt?

»Meine Integrität.«

Sammelst du etwas?

»Ich bin kein Sammler. Ich gebe lieber. Wenn man mir etwas in die Hand drückt, verschenke ich es meistens weiter, damit ich es nicht aufbewahren muss. Ich mag es nicht, Dinge zu horten. In den letzten Tagen habe ich von vielen Freunden Bücher geschenkt bekommen. Das weiß ich im Grunde sehr zu schätzen. Allerdings verzweifle ich schon jetzt an der Frage, wie ich all die Sachen in meinen kleinen Koffer bekommen soll, wenn ich wieder zurück in die USA fliege. Warum tun sie mir das an, hahaha? Ich gehöre nicht zu den Menschen, die an Gegenständen hängen und viel aufbewahren. Ich liebe es, viel Platz zu haben. Mein Bruder ist das komplette Gegenteil von mir. Der sammelt alles, was er in die Finger bekommt.«

Welches Buch liest du gerade?

»Momentan lese ich „The Revenge Of Gaia" von James Lovelock, der ein berühmter Wissenschaftler ist. Er vertritt die Theorie, dass unsere ganze Erde inklusive der Atmosphäre und aller Lebewesen ein einziges lebendiges Wesen mit Namen Gaia ist.«

Kannst du kochen?

»Meine Kochkünste sind gut genug, um zu überleben, aber zu schlecht, um andere damit zu beeindrucken.«

Hast du ein Idol?

»Nein. Ich idealisiere Menschen nicht.«

Wo verbringst du am liebsten deinen Urlaub?

»In Neuseeland, wo ich auch ein Haus habe. Mein Hauptwohnsitz ist aber nach wie vor Los Angeles.«

Was war das verrückteste Gerücht, das du je über dich gehört hast?

»Es wurde mal gemunkelt, dass ich in einem fremden Land verheiratet und Vater einiger Kinder bin.«

In welche Epoche würdest du gerne mal mit einer Zeitmaschine reisen?

»Ich würde 10.000 Jahre zurück in eine Zeit reisen, in der es noch keine Zivilisation gab, um zu sehen, wie die Menschen lebten, welchen Bezug sie zur Natur hatten und was sie über ihr Dasein dachten. Mich interessiert diese ursprüngliche Form des Lebens.«

Gibt es etwas, was du in der Vergangenheit ändern würdest?

»Ich würde weltweit alle Völkermorde stoppen.«

Stell dir vor, du wirst US-Präsident! Was wäre deine erste Amtshandlung?

»Ich würde mich umbringen. Das wäre doch wirklich ein historisches Ereignis! Vorher würde ich aber die Regierung abschaffen und den Bürgern sagen, dass sie die Wurzel allen Übels war. Wir brauchen keine Flaggen und Grenzen. Sie sind Verschwendung. Ich glaube nicht, dass Regierungschefs etwas bewegen können. Nur Menschen können etwas bewegen.«

Gibt es eine Sache, bei der du dich missverstanden fühlst?

»Ich bin mir nicht sicher, weil ich zu wenig die Reaktionen meiner Mitmenschen auf mein Verhalten beobachte.«

Das wundert mich. Ich hätte gedacht, dass du das sehr genau studierst.

»Was glaubst du, in welcher Beziehung man mich missversteht?«

Ich könnte mir vorstellen, dass deine Kreativität und Offenheit für jegliche Form künstlerischer Darstellung mit Verrücktheit verwechselt wird.

»Wenn mich Leute zum ersten Mal persönlich treffen, stellen sie tatsächlich oft verwundert fest, dass ich sehr nett bin und überhaupt nicht ihrer Vorstellung von einem aggressiven Wahnsinnigen entspreche. Ich glaube, dass das ein Kompliment ist (lacht).«

Bist du religiös?

»Ich bin nicht im traditionellen Sinne religiös. Alle modernen Religionen - egal, ob es um das Christentum, die Juden, den Islam oder den Buddhismus geht - wurden in der Zivilisation geboren. Sie alle enthalten teilweise Wahrheiten unserer Vergangenheit und unserer spirituellen Herkunft. Aber eben weil sie ein Ergebnis der Zivilisation sind, ist auch ihr Wahrheitsgehalt unvollständig. Alle diese Glaubensrichtungen werden aufhören zu existieren, wenn unsere Zivilisation endet.«

Und wann wird das der Fall sein?

»Unsere Zivilisation hat bereits aufgehört zu existieren. Wir klammern uns nur noch an ihren letzten Resten fest. Sie begann vor 10.000 Jahren in Mesopotamien und endete auch dort. Die Invasion des Iraks war in einem größeren Kontext betrachtet ein einschneidendes historisches Ereignis mit biblischen Referenzen. Sie hat Auswirkungen auf Kunst, Politik, Religion, Wirtschaft und Umwelt. Jeder Mensch ist von ihr betroffen, weil alles in dieser Welt miteinander verbunden ist. Wir haben uns einen eigenen Turm zu Babel gebaut, der im Begriff ist, umzukippen. Ich finde das aber okay. Genau genommen kann ich es gar nicht abwarten, bis er endlich kollabiert.«

Glaubst du, dass du schon mal gelebt hast?

»Ja, ich habe schon oft gelebt. Ich glaube an Reinkarnation und Einsteins Theorie, die besagt, dass Energie nicht geschaffen oder zerstört werden kann, sondern dass sie einfach nur ihre Form ändert. Wir sind Energie.«

Als was würdest du als Nächstes gerne wiedergeboren werden?

»Darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht. Ich bin sicher, dass ich genug Zeit habe, mir das zu überlegen, wenn ich einmal sterbe. Ich habe sehr viele interessante wissenschaftliche Berichte über Nahtod-Erfahrungen gelesen. Sie erlauben einem pragmatische Sichtweisen auf den Tod. Fast alle Leute, die schon mal klinisch tot waren, erzählen, dass sie von einer Welt in eine andere übergetreten sind. Sie alle trafen auf diesem Weg einen vertrauten Menschen, der sie zu einem Ort führte, der der Erde zwar ähnelte, aber insgesamt farbiger war, unendliche Harmonie ausstrahlte und einem innerhalb einer Sekunde ermöglichte, das gesamte Wissen der Welt zu erlangen. Schließlich landeten sie vor weisen Wesen, die einen nicht beurteilen, sondern fragen, was man als Nächstes tun möchte, um Erfahrungen zu sammeln und Liebe zu geben - was die beiden Grundpfeiler unserer Existenz sind. Wenn die Zeit des Befragten noch nicht gekommen war, mussten sie zurück ins Leben. Das ist die Essenz von unendlich vielen Nahtod-Erfahrungen. Ich glaube an all das.«

Wie stehst du den Begriffen „gut" und „böse" gegenüber?

»Für mich gibt es kein Gut und Böse. Das größte Übel der Welt ist die Unfähigkeit, zu erkennen, dass alles miteinander verbunden ist.«

Hattest du schon mal ein übersinnliches Erlebnis?

»Ja, ich hatte schon einige sehr beeindruckende Erlebnisse. Es fällt mir schwer, zu beschreiben, wie ich mich dabei fühlte. Wichtig ist, dass man den Augenblick des Daseins zu schätzen weiß - und die Fähigkeit, eine Verbindung zu den schönen Dingen jenseits der physischen Welt herzustellen.«

Wenn man dich erzählen hört, liegt die Vermutung nah, dass du auch schon mit diversen Drogen Erfahrungen gemacht hast.

»Ich habe mit verschiedenen psychedelischen und nicht psychedelischen Drogen experimentiert und aus ihnen meine Erfahrungen gezogen. Aber irgendwann stagniert man dabei und entwickelt sich nicht weiter.«

Welcher Song soll auf deiner Beerdigung laufen?

»Das ist aber eine morbide Frage! Keine Ahnung. Dafür muss ich mir noch was überlegen.«

www.systemofadown.com

www.serjtankian.com

www.myspace.com/soad

www.myspace.com/serjtankian

Bands:
SERJ TANKIAN
Autor:
Conny Schiffbauer

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