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Foto: Amy Harris

ToneTalk 23.11.2022, 08:00

THE HERD, HUMBLE PIE - Solo im Schlafrock

Von den Beatles bis zu David Bowie: PETER FRAMPTON hat mit nahezu allen Größen aus der ersten Generation der Rock- und Popmusik zusammengespielt, eines der meistverkauften Livealben aller Zeiten veröffentlicht („Frampton Comes Alive“, 1976) und Welthits wie ´Baby I Love Your Way´ (berühmt geworden als Coverversion der Reggae-Truppe Big Mountain) komponiert.

PETER FRAMPTON, der ikonische Gitarrenstar der Siebziger, leidet heute unter der degenerativen Muskelkrankheit Einschlusskörpermyositis, nimmt aber weiter Platten auf und gibt Konzerte. Wir erreichen den 72-jährigen Briten telefonisch in New York, wo er sich mit konsequent positiver Einstellung (»Ich trete im Sitzen auf, weil ich etwas wacklig auf den Beinen geworden bin, aber meine Finger sind bisher zum Glück unbeeinträchtigt geblieben!«) auf seine nächste Tournee vorbereitet.

Peter, du hast den Talkbox-Effekt, der sich lautmalerisch einsetzen lässt, in der Rockmusik berühmt gemacht und auf den beiden Alben „Fingerprints“ und „Forgets The Words“ Stücke von Acts wie Soundgarden, Sly & The Family Stone oder Lenny Kravitz ohne Gesang gecovert. Unterscheidest du überhaupt zwischen gesungenen und auf Instrumenten gespielten Melodien?

»Zum Komponieren verwende ich sowohl meine Gitarren als auch ein Piano, Letzteres allerdings nicht so häufig. Melodien fallen mir entweder zufällig beim Spielen zu, oder ich singe vor mich hin und finde etwas, das mir gefällt und es wert ist, weiter ausgearbeitet zu werden. Die Übergänge sind also fließend, und ich unterscheide nicht bewusst, obwohl es in den meisten Situationen nahe liegt, Ideen mit der Stimme festzuhalten, etwa indem ich in mein Smartphone singe, falls ich mitten in der Nacht von der Muse geküsst werde (lacht). Wenn ich das Aufgenommene dann am nächsten Tag auf die Gitarre übertrage, mag ein Akkordriff daraus werden oder tatsächlich eine Gesangslinie. Jedenfalls trenne ich nicht zwischen Stimme und Instrument.«

Dennoch singen die meisten Menschen intuitiv, ohne es konkret „gelernt“ zu haben, wohingegen man sich an einem Instrument gewisse Fertigkeiten aneignen muss, um sich darauf ausdrücken zu können. Erinnerst du dich an einen Schlüsselmoment, in dem dir dein Talent dazu klar wurde?

»Ich glaube, meine Eltern haben das früher erkannt als ich selbst (lacht). Es war schon sehr früh in meiner Kindheit so, dass ich Lieder im Radio hörte und die Melodien aus dem Stegreif auf der Gitarre nachspielen konnte. Ich lief zu meiner Mutter und zeigte ihr voller Stolz, was ich herausgehört hatte, woraufhin sie fragte, wie ich darauf gekommen sei; ich konnte ihr keine Antwort geben, doch sie und mein Dad ahnten wohl, dass sie so schnell keine Ruhe mehr bekommen würden, während ich noch zu Hause wohnte.«

Dein erstes Instrument soll eine Banjolele gewesen sein, stimmt das?

»Ja, dabei handelt es sich um eine Kreuzung aus Banjo und Ukulele. Falls ich mich nicht irre, wurde sie als durchsetzungsfähigeres Saiteninstrument im Vergleich zum herkömmlichen Banjo entwickelt, dessen Lautstärke durch seine Bauweise mit aufgespannter Membran Grenzen gesetzt sind. In den frühen Tagen des britischen Theaters und Varietés Anfang des 20. Jahrhunderts, als noch nicht alle Entertainer Pianisten hatten, die sie begleiteten, griff man zur Banjolele, zu deren berühmtesten Spielern der Komiker George Formby gehörte. Auf sein Konto gehen etliche Lieder, die heute jeder Engländer kennt und deren Klang auf diesem Instrument beruht. Er besaß eine ziemlich grelle Stimme und konnte so einen ganzen Saal unterhalten, denn seinerzeit gab es ja noch keine richtigen Mikrofone. Ich bekam meine Banjolele von meinem Vater, der sie wiederum von seiner Mutter bekommen hatte. Wir fanden sie eines Tages auf unserem Dachboden, und als er mir ein paar Lieder darauf vorspielte, war das wie eine Offenbarung für mich; ich wusste in dem Augenblick, dass ich Musik machen wollte, also brachte er mir meine ersten Griffe bei. Dank des schmalen Halses und der vier Saiten war es das perfekte Einstiegsinstrument für einen Achtjährigen.«

Du hattest nur für recht kurze Zeit Unterricht, bevor du dich autodidaktisch weiterentwickelt hast.

»Richtig, mit ungefähr zwölf Jahren fing ich an, Stunden zu nehmen, was ich drei, vier Jahre lang auf einer Konzertgitarre mit Darmsaiten durchgezogen habe.«

Als einer der frühesten Hardrock-Gitarristen musst du Vorbilder in ungleich „zahmeren“ Stilen gehabt haben. Annähernd hart und laut waren allenthalben Buddy Holly oder Cliff Richard, ehe natürlich Jimi Hendrix auf den Plan trat.

»Die beiden waren zweifellos wichtig für mich, aber nicht so einflussreich wie Hank Marvin von The Shadows, die ja als Cliff Richards Begleitband anfingen. Ich wollte buchstäblich so sein wir er und konnte irgendwann alles von ihm spielen. Dann kamen Eric Clapton, die Bluesbreakers, Peter Green und all die anderen frühen englischen Blues-Meister, die logischerweise nicht an mir vorbeigingen. Gemeinsam mit Hendrix revolutionierten sie die E-Gitarre nachhaltig, nicht zuletzt durch die Verwendung dünnerer Saiten, was heute gern unterschlagen wird, weil man sich auf ihre Technik versteift. Die Shadows und Ventures oder Elvis Presleys Gitarrist Scotty Moore verwendeten dicke Saiten für ihren charakteristischen Rockabilly- und Surf-Sound, wohingegen die dünneren eher im Jazz verbreitet waren. Ich selbst habe mich immer irgendwo in der Mitte zwischen Rock und Jazz gesehen, dessen „falsche“ Töne, die trotzdem gut klingen, von jeher eine Schwäche von mir sind (lacht).«

Deine alte Band Humble Pie gilt als Wegbereiter des Punk, und deine Solowerke haben auch einige Heavy-Metal-Musiker beeinflusst. War dir zu irgendeinem Zeitpunkt klar, dass du bahnbrechende Musik gemacht hast?

»Nein, in den Sechzigern gab es nicht viel, wovon wir hätten zehren können, also sind wir einfach unserem Bauch gefolgt, und heraus kam eben die Musik, die man heute von uns kennt. Wir schauten zu Gene Vincent, Eddie Cochran und Elvis auf, aber das war´s auch schon abgesehen von ein paar englischen Instrumental-Bands. Deshalb hörte ich mir so viele Gitarristen wie möglich an und entdeckte mit 13 oder 14 Jazz für mich, als ich einer semiprofessionellen Band beitrat, die Sachen aus diesem Bereich und R´n´B-Songs spielte. Dort musste ich flexibel sein, also schaute ich Leuten wie Kenny Burrell, Joe Pass oder Wes Montgomery auf die Finger. Für Django Reinhardts Gypsy Swing hatte mich mein Vater schon sehr früh begeistert. Hinzu kamen die ganz frühen Blues-Männer Hubert Sumlin und Muddy Waters, nicht zu vergessen die drei Kings Freddy King, Albert King und B.B. King, die den Blues elektrifizierten. Dass sie Green und Clapton, aber auch den früheren Rolling-Stones-Gitarristen Mick Taylor inspiriert hatten, wurde mir erst später bewusst.«

All diese Namen lassen sich auf den gemeinsamen Nenner „zeitloses Songwriting“ herunterbrechen. Was macht für dich einen guten Song aus?

»Man kann ihn mit der Wandergitarre spielen und dazu singen, ohne Effekte oder sonstigen Firlefanz. Nur weil man etwas in einem Studio aufnimmt und mit allen möglichen Kinkerlitzchen ausstaffiert, ist es nicht zwangsläufig gut oder ein potenzieller Hit. Ich selbst habe alles mitgemacht: Komponieren auf der Akustikgitarre und Experimente mit früher Computersoftware in den Achtzigern, was mich eher ausgebremst als unterstützt hat, weil ich mich beispielsweise auf der Suche nach einem coolen Schlagzeug-Loop verzettelte. Das kann immer noch jedem passieren, der beim Musikmachen moderne Technik zur Hilfe nimmt, denn die Möglichkeiten, die sie bietet, sind schier unendlich, und wenn man nach langem Tüfteln etwa einen zufriedenstellenden Snare-Sound gefunden hat, ist die ach so tolle Songidee immer noch nicht aufgenommen (lacht). Da ich das Gefühl hatte, an meinen Zielen vorbeizuschießen, kehrte ich Anfang der Neunziger zu meinen alten Methoden zurück und drückte die Aufnahmetaste meines Tonbandgeräts erst, wenn ich mir sicher war, dass ich eine wirklich gute Idee hatte.«

Du bist aber trotzdem kein Technikfeind und hast sogar deine eigene Effekt-Marke Framptone.

»Ich war eigentlich immer ein Nerd, was nützliche Geräte angeht, und sehe mich auch als Toningenieur. Es gab zu allen Zeiten tolle Hilfsmittel zum Musikmachen, wobei es mir in erster Linie auf einen großartigen Sound ankommt. Ich habe festgestellt, dass mich schlecht klingende Gitarren und Verstärker unkreativ machen. Unter Studiomitarbeitern war ich eine Zeitlang berüchtigt dafür, dass ich einen ganzen Tag damit verbrachte, an meinen Amps, Boxen und Instrumenten herumzufummeln, bis mir der Sound für ein Solo passte. Anschließend war ich meistens zu müde, um es einzuspielen, also kreuzte ich ganz früh am nächsten Morgen im Bademantel auf und erledigte die Aufnahme beim ersten Take. So perfektionistisch war ich mal.«

Aber wenn eine Idee für sich genommen nicht gut ist, hilft das beste Equipment der Welt nichts, oder?

»Nein, auch wenn es dir manche Geräte leichtmachen, mehr aus einem durchschnittlichen Riff herauszuholen. Wenn ich meine Gitarren an einen Fender Princeton Reverb anschließe, kann ich davon ausgehen, dass es egal mit welcher Einstellung super klingt. Hochwertige Instrumente, Kabel und Verstärker sind im Verbund unschlagbar und für die meisten Situationen mehr als ausreichend. Wenn ich also mal nicht auf eine Batterie von Effekten zugreifen kann, berufe ich mich auf dieses simple Setup. Auf der Bühne setze ich Marshall- und Fender-Topteile für 4x12-Zoll-Boxen mit geschlossenen Rückwänden ein, wohingegen im Studio kleinere Combo-Amps die Nase vorn haben, weil man ihren Klang besser kontrollieren kann. Bei dem aberwitzigen Angebot auf dem aktuellen Markt darf man froh sein, dass es verlässliche „Arbeitspferde“ gibt, die nie enttäuschen.«

In deiner Autobiografie lässt du kein gutes Haar an Teilen der Musikbranche, die Künstler systematisch ausbeuten. Was würdest du einer dieser Tage emporkommenden Band raten, die ihren Lebensunterhalt mit Musik bestreiten möchte?

»Geht mit einem Angebot für einen Plattenvertrag zu einem darauf spezialisierten Anwalt. Mag sein, dass ihr euer Handwerk versteht und eine konkrete künstlerische Vision habt – wenn ich von mir selbst ausgehe, wollen sich die wenigsten Musiker mit der geschäftlichen Seite auseinandersetzen und treten deshalb in Fettnäpfchen, was schwere Konsequenzen haben kann. Geht hundertprozentig sicher, wohin das Geld fließt, bevor ihr nur einen einzigen Song herausbringt.«

www.peterframpton.com

www.facebook.com/peterframpton

DISKOGRAFIE

mit The Herd:

Paradise Lost (1967)

From The Underworld (1968)

mit Humble Pie:

As Safe As Yesterday Is (1969)

Town And Country (1969)

Humble Pie (1970)

Performance: Rockin´ The Fillmore (live, 1971)

Rock On (1971)

Solo:

Wind Of Change (1972)

Frampton´s Camel (1973)

Somethin´s Happening (1974)

Frampton (1975)

Frampton Comes Alive! (live, 1976)

I´m In You (1977)

Where I Should Be (1979)

Rise Up (1980)

Breaking All The Rules (1981)

The Art Of Control (1982)

Premonition (1986)

When All The Pieces Fit (1989)

Peter Frampton (1994)

Frampton Comes Alive! II (live, 1995)

Now (2003)

Fingerprints (2006)

Thank You Mr. Churchill (2010)

Hummingbird In A Box (2014)

Acoustic Classics (Compilation, 2016)

All Blues (2019)

Frampton Forgets The Words (2021)

Bands:
THE HERD
HUMBLE PIE
Autor:
Andreas Schiffmann

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