Interview

Interview 29.11.2022, 10:48

TEMPEST - Interview mit dem Tipp des Monats 12/22

TEMPEST aus Aachen präsentieren Thrash Metal vom Feinsten und knüpfen dabei an die alten Helden des Genres an. Und zwar auch thematisch, wie uns TEMPEST-Gründungsmitglied Phillipe „Phil“ Piris im Interview erklärt, denn das Motiv der nuklearen Bedrohung ist auf ihrem aktuellen Album „Point Of No Return“ eindeutig wiederzufinden. Im sympathischen Gespräch via Videocall reist der Sänger und Gitarrist mit uns gedanklich zu den Anfängen der Band zurück, spricht über die Tücken der Namensfindung, geht offen mit dem internen Besetzungswechsel um und plaudert aus dem Nähkästchen, wie das Debütalbum entstanden ist.

Lass uns doch von vorne anfangen: Wann habt ihr euch als Band gegründet und wie kam es dazu?

»TEMPEST haben sich 2013/14 als Zwei-Mann-Projekt von dem damaligen Gitarristen Marco (Schaefer) und mir gegründet. Unser Ziel war es, coole Mucke zu schreiben. Wir hatten das Projekt Band noch nicht so auf dem Schirm. Ich kam aus einer relativ deprimierten Phase, weil ich mit meiner damaligen Combo gebrochen hatte und ein paar Jahre nichts gemacht habe. Bei ihm war es das Gleiche und das hat sich super ergänzt. Wir hatten auch musikalisch den gleichen Nenner: Thrash Metal der alten Schule und vor allem auch das, was die alten Bands heutzutage machen. Zum Beispiel von Testament „The Formation Of Damnation“ und „Dark Roots Of Earth“ oder auch „Tempo Of The Damned“ von Exodus. Diese Mucke hat uns total angesprochen und tut es immer noch. Nach ein paar Songs haben wir gemerkt, dass da mehr drin sein muss. Daraufhin haben wir uns weitere Musiker gesucht und das Projekt Band losgetreten. Da hatten wir das große Glück, dass wir Gabor Franyo für die Drums über eBay-Kleinanzeigen gefunden haben – das digitale Format von Zeitungsannoncen (lacht). Gabor ist bis heute Teil der Band, von Marco hatten wir uns vor zwei Jahren leider trennen müssen. Mittlerweile sind Gabor und ich die musikalische DNA der Band und haben da immer noch richtig hart Bock drauf.«

Als ich nach TEMPEST gesucht habe, wurde mir ein Wikipedia-Eintrag einer britischen Jazzrockband angezeigt. Wie kamt ihr denn auf den Bandnamen? Das ist ja nicht immer ganz so einfach.

»Ich habe damals mit Marco überlegt und wir haben uns auf den Namen geeinigt, weil wir dachten, dass es ein cooles Wort ist. Da hatten wir keinen Hintergedanken und erst im Nachhinein herausgefunden, dass es schon mehrere Bands mit einem ähnlichen Namen gab. Dazu gibt es auch eine lustige Anekdote, denn es gibt noch eine TEMPEST-Band, die aus Hannover kommt und Progressive Metal macht. Bei dem A Chance For Metal Festival lief es so, dass es Abstimmungen für Bands gab, die auf dem Festival auftreten sollen. Wir haben uns beworben, wurden gewählt und die Veranstaltenden haben die falsche Band gebucht. Es hat dann zum Glück doch noch geklappt, dass wir dort auftreten konnten, weil wir noch mal gewählt wurden (lacht). Daraufhin hießen wir dann die „richtigen“ TEMPEST.«

Ihr wart dieses Jahr auf dem A Chance For Metal Festival, richtig?

»Ja, wir waren der Opener dieses Jahr. Es war leider das letzte ACFM. Mit dem Auftritt ist ein Traum in Erfüllung gegangen, denn das war immer mein Lieblings-Underground-Festival und dort zu eröffnen – gerade nach Corona – war richtig geil, weil die Leute hungrig waren und richtig ausgerastet sind.«

TEMPEST machen Thrash Metal – das ist klar. Beschreib doch bitte in drei Worten eure Musik.

»Auf die Fresse (lacht).«

Als grobe Orientierung für Leute, die euch vielleicht noch nicht kennen: Wer sind eure Vorbilder und um TEMPEST zu mögen, welche Bands sollte man gut finden?

»Ich persönlich würde sagen, wir sind was für Fans von Testament, Exodus, den früheren Metallica und Slayer. Wir werden aber scheinbar wegen meiner Stimme wahnsinnig oft mit Sacred Reich verglichen. Das Witzige daran ist, dass ich die Band privat fast gar nicht höre. Ich mag sie und habe sie auf dem Rock Hard Festival auch schon live gesehen.«

Weil du gerade die Anfangszeit des Thrash Metal angesprochen hast: Würdest du TEMPEST als Hommage an den Thrash der Achtziger Jahre sehen oder versucht ihr das Genre eher neu aufzulegen?

»Man kann das Rad nicht neu erfinden, gerade im Thrash Metal nicht, und das ist auch nicht der Anspruch, den wir haben. Wir sind aber nicht so sehr auf der Retro-Schiene. Im Crossover im DRI-Stil, bei dem sich der Stil mit Hardcore vermengt, sehe ich uns nicht. Musikalisch bin ich mehr inspiriert von den neueren Sachen, was die alten Bands rausbringen. Ich glaube, dass wir durch gute Hooks aus der Masse herausstechen. Ich würde nicht sagen, dass wir besonders kreativ sind. Wir machen einfach Mucke, auf die wir Bock haben.«



Wie schreibt ihr denn eure Musik?

»Seit „Point Of No Return“ weicht sich das ein bisschen auf. Normalerweise bin ich der Hauptsongwriter und mache das Demo schon so gut wie fertig, arbeite aber mit Gabor intensiv an den Drums. Ich glaube, dass das Schlagzeug bei uns nicht nur rhythmische Begleitung, sondern ein ganz essenzieller Teil der Musik ist. Ich bin auch offen für Ideen. So hatte Simon (Humpohl, Gitarrist) für 'The Divide' das Haupt- und Refrain-Riff geschrieben. Es zeichnet sich ab, dass es in Zukunft mehr in Richtung eines gemeinsamen kreativen Prozesses geht. Bei „Point Of No Return“ sind einige Songs in der Zwischenphase entstanden, als wir uns von Marco getrennt hatten, der vorher mit mir gemeinsam die Songs erarbeitet hat. Es kam zu musikalischen Differenzen und einiges an Material hat nicht mehr zu uns gepasst. Daher stammt beim aktuellen Album vieles aus meiner Feder.«

Das heißt, die „When Hate Has Dominion“-EP aus 2018 habt ihr noch in der alten Konstellation rausgebracht und das Debütalbum dann in der aktuellen Besetzung.

»Ja genau, die EP haben wir im Proberaum bzw. Studio von Marco unter seiner Federführung aufgenommen und „Point Of No Return“ haben wir in dem Raum aufgenommen, in dem ich gerade sitze. Wir haben hier das Schlagzeug aufgebaut, die Gitarren aufgenommen und mit dem Mikrofon, in das ich gerade spreche, habe ich die Vocals eingesungen. Dazu habe ich drei Matratzen um mich herum als Gesangskabine aufgebaut (lacht). Somit ist die Aufnahme zu 100% do it yourself, lediglich zum Mixen und Mastern haben wir das Material nach extern gegeben. Mittlerweile ist so etwas möglich – ein Hoch auf die modernen Zeiten.«

Wann habt ihr das Album aufgenommen?

»Veröffentlicht haben wir das Album Ende Mai und richtig angefangen aufzunehmen haben wir ab etwa Oktober letzten Jahres. Das war eine ganz natürliche, langsame Entwicklung, auch durch Corona bedingt. Wir hatten sieben Songs auf Lager und haben daraufhin beschlossen, dass wir ein Album aufnehmen. 'Unbroken' haben wir ganz kurzfristig geschrieben, es handelt von dem völkerrechtswidrigen Einmarsch von Russland in die Ukraine, dem Krieg und vor allem dem Mut der Ukrainer, das durchzustehen und weiterzukämpfen. Der Song ist lyrisch nah an dem aktuellen Weltgeschehen. So traurig das ist, war es für das Songwriting eine große Inspiration. Es passiert so eine Scheiße in der Welt, was mich wütend macht, und ich verarbeite das teilweise in der Musik.«

Ihr habt bei dem Album generell einen möglichen Nuklear-Krieg oder Dritten Weltkrieg zum Thema gemacht. In den Achtzigern war das ja schon mal ein Thema im Thrash Metal. Woher nehmt ihr eure Inspiration?

»Ich bin jemand, der sich viele Gedanken um Politik, Umwelt und Weltgeschehen macht. Da ziehe ich viel Inspiration raus. Zum Beispiel der Song 'UltraNation': Er behandelt die Spannung nach Trumps Wahl zwischen den USA und Russland als man an einem kritischen Punkt war. Es gibt aber auch persönliche Geschichten, wie bei dem Titelsong 'Point Of No Return'. Er ist eine persönliche Vendetta, das Verarbeiten von Wut auf eine Person, von der ich mich betrogen fühle. Es geht darum, jemandem den Rücken zu kehren und zu sagen: Bis hier hin und nicht weiter – quasi ein Point Of No Return. Wir haben das auch für das Albumcover genutzt, auf dem Männer mit Gasmasken zu sehen sind, die eine Kommandozentrale überfallen und die Nuklear-Rakete zünden. Es ist ein sehr aktuelles und akutes Thema: Es würde eine Grenze überschritten werden, wenn so etwas passieren sollte. Und ja, ich bin schon von den Achtzigern beeinflusst, in denen über den Kalten Krieg gesungen wurde.«

Ein altes Thema, was leider so aktuell wie schon lange nicht mehr ist.

»Leider! Das ist schon schlimm, dass man „Fabulous Disaster“ von Exodus anschmeißen kann und das, was er da singt, sich nicht verändert hat und wir sogar noch näher am Atomkrieg dran sind. Das ist sehr beängstigend und mich macht das auch wütend.«

Harter Cut und knifflige Frage: Hast du einen Lieblingssong auf eurem neuen Album?

»Es gibt viele (lacht). Der Opener 'Fire Will Judge' ist auch ein super Song. Darin geht es um Hexenverbrennungen. Er ist schon ernst, aber nicht so tragisch wie die anderen Tracks, weil er nicht die gleiche Aktualität hat, wodurch man ihn ein bisschen „befreiter“ singen kann. Außerdem ist er ein wichtiger Baustein, an dem ich erkannt habe, dass es mit Marco in musikalischer Hinsicht nicht mehr funktioniert. An dem Song haben wir uns stark zerrieben, er ist mittlerweile aber einer der Lieblingssongs der Leute. Das zeigt mir, dass wir – leider – den richtigen Schritt gegangen sind und getrennte Wege gehen. Deshalb hat ‚Fire Will Judge‘ eine starke Bedeutung für mich.«

Es hört sich so an, als hättet ihr euren Stil gefunden.

»Wenn ich auf mein kreatives Schaffen blicke, habe ich mit „Point Of No Return“ aus bisheriger Sicht das Meisterwerk geschafft. Jede Band sagt zwar, ihr aktuelles Album sei das Beste, aber bei uns stimmt das (lacht).«

Wie soll es in Zukunft mit TEMPEST weitergehen?

»Wir haben richtig Bock, live zu spielen. Durch das ACFM hatten wir die Gelegenheit, auch auf anderen Festivals zu spielen, wofür wir super dankbar sind. Wir organisieren selbst Events, zum Beispiel am 17. Dezember die „Mosh-Hour“ in unserer Heimatstadt Aachen. Ansonsten wollen wir weiter Songs schreiben und haben bereits zwei Lieder, die fertig sind. Wir überlegen, ob wir sie einzeln rausbringen oder für ein Album sammeln sollen. Kurzum: Zocken, zocken, zocken und den Namen TEMPEST weiter in die Welt hinausschreien. Wir wollen die „Mosh-Hour“ etablieren als Event, das Leute für eine geile Zeit zusammenbringt. Dafür machen wir die ganze Arbeit, sie findet ihren Höhepunkt in Live-Auftritten. Das gibt mir wahnsinnig viel Energie und Lebensfreude zu sehen, dass ich als irgendein Typ, der irgendwo in der Pampa wohnt, mit der eigenen Musik Leute berühren kann. Das ist für mich das größte Geschenk.«

Möchtest du zum Abschluss noch etwas loswerden, was dir wichtig ist?

»Wenn euch Musik gefällt – und das gilt nicht nur für uns, sondern generell – teilt sie mit euren Freunden, denn: Sharing is caring. Und bei all der deprimierenden Scheiße, die uns umgibt, habt Freude am Leben. Auch wenn wir als Thrash Metal Leute den Krieg besingen, habt ein gutes Herz, einen guten Musikgeschmack und lecker Bierchen.«

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Bands:
TEMPEST
Autor:
Lisa Scholz

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