Interview


Pic: Martin Weiss

Interview 19.10.2021, 15:50

THULCANDRA - Blaue Wunder

Pünktlich zum neuen Langspieler der bayrischen Black- und Death-Metal-Combo THULCANDRA klopfen wir – zumindest virtuell – bei Fronter Steffen Kummerer an. Im Interview plaudert der Sänger und Gitarrist mit uns darüber, wie ein bisschen mehr Normalität in das Leben zurückkehrt, was er von politischen Äußerungen von Bands hält und erzählt, wie er Todesfälle in seiner Musik verarbeitet und was die Farbe Blau mit THULCANDRA zu tun hat.

Hi Steffen, wie geht’s dir und wie läuft es gerade bei euch in der Band?
»Uns geht es bestens, denn wir sehen mit THULCANDRA in den nächsten Wochen die neue Platte auf uns zukommen. Wir freuen uns sehr darauf. In der Zwischenzeit konnten wir schon drei Festivals spielen und haben eine Tournee angekündigt, die in verschiedenen Blöcken stattfindet. Im November geht es schon los, im Dezember und im nächsten Jahr geht es weiter. Wir haben außerdem noch mehr in der Pipeline, denn wir haben Videos gedreht und arbeiten an weiteren Clips. Es wird also nicht langweilig.«

Das hört sich gut an. Schön, wenn es wieder mit Touren losgeht.
»Ja, auf jeden Fall. Wir haben im September auf der Herbst-Offensive vom Party.San gespielt und da war gefühlt wieder alles normal. Es hat wahnsinnig Spaß gemacht: super Venue und Atmosphäre, tolle Leute. Was will man mehr? Ich denke auch, dass bis Ende des Jahres oder bis spätestens Anfang nächsten Jahres die Welt wieder ganz gut aussieht.«

Wie war es denn, wieder auf der Bühne zu stehen? Habt ihr vorher üben können?
»Sofern es ging, haben wir natürlich geprobt. Unsere letzte Tour liegt außerdem nicht so lange zurück. Wir hatten Glück im Unglück, denn wir haben unsere letzte Tournee im März abgeschlossen und wenige Tage danach wurde in Deutschland der Lockdown ausgerufen. Wir haben den letzten Gig als Heimspiel vor ausverkauftem Haus gespielt. Dann war der Tour-Zyklus fertig und es kam der Lockdown. Da hat es andere schlimmer getroffen, die Touren abbrechen mussten.«

Man muss auch mal Glück haben.
»Ja. Dadurch war die ganze Zeit der Pandemie von neuer Arbeit geprägt: Wir haben im Studio gearbeitet, Videos gedreht, Tourneen vorbereitet. Langweilig war es uns zu keiner Zeit und es gab immer etwas zu tun. Wir haben uns natürlich weniger auf Live-Konzerte konzentriert, sondern in erster Linie auf die Studio-Arbeiten. Nachdem jetzt die ersten Konzerte und Festivals angekündigt wurden, haben wir uns hingesetzt und die Bühnenproduktion umgebaut sowie die Technik überarbeitet. So haben wir die Zeit bestens genutzt.«

Super! Euer letztes Album kam vor sechs Jahren auf den Markt. Hat euch hier die Pandemie in die Karten gespielt, dass ihr in Ruhe an dem neuen Material arbeiten konntet?
»Eigentlich wollten wir seit zwei oder drei Jahren ein neues Album rausbringen, aber ich bin hauptberuflich Musiker und mit meiner anderen Band OBSCURA ausgelastet, da wir regelmäßig Touren und auf einem anderen Level arbeiten. Das hat meine Priorität, da ich damit meinen Lebensunterhalt bestreite. Die beiden Bands unterscheiden sich massiv im ganzen Setup, machen aber gleichermaßen viel Spaß. Der große Unterschied liegt darin, dass THULCANDRA weniger Konzerte spielen, wir aber mehr proben können, weil wir alle relativ nahe zusammenwohnen. Es sind jetzt doch schon knapp sechs Jahre seit „Ascension Lost“ vergangen und wir haben in der Zwischenzeit drei Tourneen gespielt: Zwei ziemlich lange Europa-Touren, eine Deutschland-Reise und viele Festivals. Das war so viel wie für kein anderes Album vorher. Obendrein ist im vergangenen Jahr unser Bassist Christian Kratzer verstorben. Die Motivation lag einfach brach, weil ein guter Freund aus dem Leben gerissen wurde. Irgendwann hat sich dann die „Jetzt erst recht“-Attitüde eingestellt und wir haben beschlossen, das Album als Dreier-Besetzung fertigzumachen, so als ob er noch da sei. Dann ging es eigentlich ganz schnell.«

Habt ihr das Album noch mit ihm aufnehmen können?
»Jein. Das ist eine ganz interessante Geschichte, weil wir das Album komplett vorproduziert haben. Immer wenn wir ins Studio gehen, wird vorher alles vorbereitet. Wir haben das Album schon einmal Demo-mäßig aufgenommen und auch die Promo-Fotos waren fertig. Wir hatten das Problem, dass unser Bassist nicht mehr da war, aber das Material stand noch. Im Endeffekt haben wir das Album so abgeschlossen, als sei er noch dabei. Ich habe den Bass selbst eingespielt und wir hatten aus der Demo-Produktion noch zwei Interludes von ihm, die wir mit auf die Platte genommen haben. 'Orchard Of Grievance', der dritte Song, und 'In Bleak Misery', der siebte Song, sind beides Akustik-Stücke und die stammen tatsächlich noch aus der Vorproduktion, die er genau so eingespielt hat. Die haben wir nicht mehr angefasst. Theoretisch hätten wir aus qualitativen Gründen, was Mikrofonierung etc. angeht, das nochmal sauber aufgenommen, aber wir wollten ihn nicht nur von den Ideen her, sondern auch spielerisch mit auf der Platte haben. Dan Swanö hat das dann im Mix und Master super gelöst, denn man merkt keinen Unterschied zum Rest der Platte. Das finde ich wahnsinnig schön. Wir haben bis heute auch noch keinen neuen Bassisten, sondern jemanden, der uns aushilft. Das ist Carsten Schorn von NAILED TO OBSCURITY, mit dem wir jetzt auch die Konzerte spielen. Aber ob wir nochmal fest einen neuen Bassisten in die Band holen, weiß ich ehrlich gesagt noch nicht.«

Schön, dass ihr die Songs mit Christian auf das Album packen konntet. Meinst du, es geht in Zukunft auch ohne ihn für euch weiter oder ist doch ein Punkt gekommen, an dem ihr THULCANDRA einstampfen wollt?
»Das wird nicht passieren. Leider ist Christian nicht der Erste, der aus der THULCANDRA-Besetzung nicht mehr da ist (Gründungsmitglied Jürgen Zintz ist 2005 verstorben, ls) und die Band gibt es schon seit 2003. Von daher werden wir wahrscheinlich schon weitermachen, auch wenn der Verlust schwer wiegt. Das möchte ich auch in keiner Art und Weise beschönigen. Sein Tod hat auch die textliche Komponente maßgeblich mit beeinflusst und wird es wahrscheinlich auch in nächster Zeit. Aber das Handtuch werfen wir deswegen nicht.«

Ok, verstehe. Weil du gerade eure Gründung in 2003 ansprichst: Woher stammt euer Bandname?
»Es gibt eine Geschichte dazu, aber die ist leider gar nicht so spannend. Und zwar haben wir damals viel DARKTHRONE gehört. Es gibt eine wunderbare Demo-Compilation von der Band und 'Thulcandra' war ein Titel darauf. Das Demo war wirklich räudig und dreckig, aber es hat uns so gut gefallen (lacht). Obendrein war der Name griffig und wir haben ihn kurzerhand übernommen, ohne groß darüber nachzudenken. Außerdem gab es noch niemanden, der den Namen verwendet hatte, was heutzutage auch nicht mehr so einfach ist. Seitdem heißen wir so und sind dabeigeblieben.«

Es kursiert auch die Info, dass der Name aus einem Buch stammen könnte und zwar „Jenseits des schweigenden Sterns“ aus der Perelandra-Trilogie von C. S. Lewis. Hat euer Name THULCANDRA damit auch etwas zu tun?
»Ursprünglich hat das DARKTHRONE-Demo den Namen vom Buch übernommen, was ich nicht wusste, weil ich das Buch damals noch nicht kannte. Im Nachhinein habe ich aber festgestellt, dass Thulcandra im Buch der Name des Eisplaneten ist, was wiederum ziemlich gut passt (lacht).«

Ja, wenn man sich eure Album-Cover anschaut, könnte man doch meinen, dass da eine Verbindung besteht. Wenn wir gerade schon beim Thema sind: Wer einen Blick auf all eure Platten-Cover wirft, stellt fest, dass alle doch recht ähnlich fröstelig und in blau gestaltet sind. Steckt ein Konzept dahinter oder ist das einfach so entstanden?
»Das erste Cover war in der Form auf jeden Fall so geplant. Es gab eine ganz klare Vorgabe von uns an den Künstler, der auch schon für viele anderes Gruppen in diesem Bereich gezeichnet hat, wie At The Gates, Tiamat und auch Dissection, zu denen wir schon viele Parallelen sehen. Das Cover-Artwork hat uns dann so gut gefallen, dass wir beschlossen haben, das als Tradition fortzuführen. Das heißt, die Cover haben sich von der ursprünglichen Idee aus weiterentwickelt und sind dabei geblieben. Und das bedeutet auch, dass das nächste Album-Cover auch definitiv blau sein wird.«

Ok, dann haben wir bereits einen Ausblick in die Zukunft. Wenn wir nochmal zur „A Dying Wish“-Platte zurückkommen: In wieweit unterscheidet sich das neue Album von euren bisherigen Werken?
»Ich glaube, der offensichtlichste Eindruck ist die Produktion. Wir haben zum allerersten Mal mit Dan Swanö aus Schweden gearbeitet, der schon unter anderem Opeth, Dissection, Bloodbath und viele weitere Bands betreut hat. Seine Produktionen klingen einfach anders. Uns war wichtig, dass wir nicht alles polieren und editieren, sondern dass man eine Band hört, die spielt. Das muss nicht 100-prozentig exakt sein. Es gibt keine Fehler auf dem Album, aber es hat eine gewisse rohe Attitüde und macht das Ganze viel lebendiger. Das war mir sehr wichtig. Das ist der eine Punkt. Und der andere ist der komplette Grundsatz, wie das Album zustande kam. Wir hatten vorher eine Arbeitsteilung: Ich kümmere mich um die Musik und unser Gitarrist hat sich damals um den kompletten textlichen Teil gekümmert – es war auch ein Konzeptalbum. „A Dying Wish“ hat viel mehr Facetten, weil wir im Prinzip drei, vier verschiedene Songwriter mit eingebunden haben und jeder hat natürlich unterschiedliche Einflüsse, Vorlieben und Riffings. Die Bandbreite ist viel größer und dadurch gibt es viel mehr Twists in den Arrangements. Es gibt mehr Heavy-Metal-Einflüsse. Der ganze Twin-Gitarren-Teil in jedem Song ist viel ausartender geworden. Außerdem gibt es sehr langsame Doom-Parts und nicht nur schnelle Parts, zudem zig verschiedene Stimmungen, die auch darauf fußen, dass verschiedene Leute an dem Material gearbeitet haben. Unterm Strich klingt es viel lebendiger.«

Weil du gerade schon die Aufnahmen ansprichst: Konntet ihr problemlos ins Studio fahren oder war das durch die Pandemie schwieriger? Und seid ihr bei der Pressung der Platten auch von Materialengpässen betroffen gewesen?
»Die Aufnahmen selbst waren kein Problem. Wir haben die Drums in München im Five Lakes Studio aufgenommen und alles andere in meinem eigenen Studio. Das heißt, man kann ganz entspannt arbeiten und hat weniger Zwänge. Die ganze Band musste nicht zusammenkommen oder zwei Wochen in einem Appartement verbringen. Das hat uns in dem Fall in die Karten gespielt. Du hast auch die Pressungen angesprochen. Die haben schon für harte Deadlines gesorgt, die auch kurzfristig nach vorne verlegt wurden, aber wir konnten sie erfüllen. Die LPs sind gepresst, das hat geklappt. Da haben Napalm Records und Dan Swanö mit Mix und Master sich ins Zeug gelegt. Alle involvierten Parteien haben super Hand in Hand gearbeitet. Und das ist auch mal schön, wenn es funktioniert.«

Ein anderes Thema: THULCANDRA lässt sich musikalisch dem Black- und Death Metal zuordnen. Manche Bands aus diesen Genres haben fragwürdige Einstellungen. Ihr scheint euch aber aus politischen Debatten herauszuhalten. Wie steht ihr als Band dazu und wie sucht ihr euch Themen aus?
»Ich mache seit über 20 Jahren Musik und habe mich noch nie politisch geäußert und das werde ich auch in Zukunft nicht. Wir haben keine Parolen und halten uns einfach raus, weil ich die Musik mit den Artworks in einer ganz anderen Richtung veranlage. Religionskritisch sind wir aber durchaus. Gerade in den letzten Jahren haben sich die Themen von Plattitüden hin zu persönlicheren Geschichten entwickelt. „A Dying Wish“ ist verbunden mit dem Verlust eines Freundes und während der Pandemie sind weitere Leute gestorben, die ich sehr gut kenne oder mit denen ich auf der Bühne stand. Darunter Alexi Laiho von Children Of Bodom und Leute, mit denen ich bei Death To All gespielt habe oder eben auch Familienangehörige. Das war die letzten Jahre nicht so einfach. Außerdem bin mit 36 keine 17 oder 18 mehr, da fängt man schon an zu reflektieren und die Themen in den Songs ändern sich dadurch. Der Punkt ist einfach, dass ich mir weniger Gedanken mache und das Ganze spontaner angehe. Wenn ich Kollegen sehe, die sich auch zum Teil mit Alkohol und Drogen zugrunde gerichtet haben und die aus dem Leben gerissen wurden, dann nehme ich jetzt jede Platte auf und denke mir, es könnte meine Letzte sein. Das schwingt mit und deshalb sind mir Meinungen auch recht egal (lacht).«

Der Albumtitel „A Dying Wish“ (Dt: letzter Wunsch) klingt nicht besonders lebensbejahend. Kannst du nochmal tiefer in die Songs einsteigen?
»'A Dying Wish', der Titeltrack, ist ein richtig episches Ende für das Album und war das letzte Stück, das ich eingesungen habe. Es dreht sich ganz klar um Chris Kratzer, der von uns gegangen ist. Das Gleiche gilt für 'Funeral Pyre', in dem es um die Beerdigung geht. Dahingehend sind auch die meisten anderen Songs gestrickt. Es ist aber nicht alles todtraurig.

Ich komme auch nochmal auf deinen Punkt von vorhin zurück: Ich erzähle keine politischen Phrasen, weil es mich nicht interessiert. Ich stelle mich nicht auf die Bühne und rufe „Hail, Satan!“, weil ich das einfach platt finde. Wir machen einfach das, was wir für richtig halten – und das pur und gnadenlos direkt. Ich glaube, damit überzeugen wir. Wir sind einfach unverstellt und unverfälscht.«

Hast du auf der neuen Platte einen Lieblingssong, den du unbedingt live spielen möchtest oder bei dem du besonders gespannt bist, wie er vor Publikum ankommt?
»Der Titeltrack wird definitiv eine Herausforderung, weil auf dem Album sechs oder sieben verschiedene Gitarren zu hören sind. Das werden wir umarrangieren müssen. Und ich glaube, dass der Song einen ganz anderen Vibe hat. Er ist eher langsam, also im Mid-Tempo angesetzt, was für uns nicht ganz normal ist. Ich freue mich darauf, habe aber auch Respekt davor, das Lied vorzubereiten und auf die Bühne zu bringen: Entweder es geht völlig in die Hose oder es wird wahnsinnig cool. Weil man es nicht weiß, muss man es ausprobieren. Das macht das Ganze so spannend.«

Werdet ihr das neue Album komplett live spielen?
»Wir haben die Setlist schon festgelegt: Wir werden gut 70 Minuten spielen und von allen Alben Songs spielen, wobei der Fokus auf den neuen Tracks liegt. Die wollen erstmal aufgeführt werden und wir wollen auch wissen, wie welcher Song ankommt. Da wird man manchmal auch überrascht (lacht). Wir haben die komplette Tour mit The Spirit organisiert und bei einigen Gigs haben wir noch Path Of Destiny dabei, eine Melodic-Death-Metal-Truppe mit dunklen Anleihen. Beides richtig gute Bands und ich denke, das dürfte gut funktionieren. Die Resonanz auf das Paket ist bisher ziemlich gut und bei uns in der Heimatstadt Landshut gehen so langsam die Tickets aus. Ich freue mich schon!«

Möchtest du zum Schluss noch etwas loswerden?
»Ich finde die Reaktionen, die wir auf unsere Re-Releases bekommen haben, unfassbar. Vor ein paar Jahren haben wir auf Wunsch der Fans unseren Backkatalog auf Vinyl herausgebracht. Die waren recht schnell vergriffen und jetzt haben wir sie nochmal herausgebracht. Als der Vorverkauf ins Laufen kam, war nach drei Tagen alles weg – wir haben nichts mehr! Das zeigt erstens, dass diese Art von Musik nicht mehr viele Bands machen und zweitens, dass die Fans die Arbeit, die wir in die Details der Gatefold-LPs stecken, honorieren. Das freut mich sehr und deswegen werden wir weiterhin sehr viel Arbeit in die Artworks stecken, die natürlich auch wieder blau werden (lacht).«


www.thetruethulcandra.com

www.facebook.com/ThulcandraMetal

Bands:
THULCANDRA
Autor:
Lisa Scholz

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