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Foto: Thorsten Seiffert

ToneTalk 24.11.2021, 08:00

RAGE - »Wir haben kein Ego-Gehabe in der Band«

Stefan Weber (37) und Jean Bormann (27) bringen seit 2020 nicht nur frischen Wind in den RAGE-Sound, sondern sorgen auch dafür, dass die Band zum ersten Mal seit 20 Jahren wieder mit doppelter Gitarrenpower zu hören ist. Grund genug für uns, den beiden im Tonetalk auf den Zahn zu fühlen.

Welcher Moment hat euch bewogen, Gitarre lernen zu wollen?

Jean: »Bei mir reicht das so weit zurück, dass ich mich selbst nicht richtig daran erinnern kann. Meine Mutter meint, dass ich mit sechs Jahren mitten in der Nacht bei ihr am Bett stand und unbedingt eine Gitarre haben wollte. Sie hat erst mal die Hände überm Kopf zusammengeschlagen und sich gedacht: „Oh nein, nicht der auch noch!“ Mein Erzeuger und mein Onkel väterlicherseits machen schon ihr gesamtes Leben lang Musik und haben Jaded Heart gegründet. Meine Mutter erfüllte mir aber meinen Wunsch und besorgte eine Gitarre. Damit fing der ganze Spaß an.«

Stefan: »Das Wollen kam etwas später. Meine Eltern waren der Meinung, dass ich neben dem Saxofon noch ein Zweitinstrument spielen könnte. Mit elf oder zwölf habe ich dann auf der Gitarre angefangen, das lief aber eher schlecht als recht, weil ich nicht so richtig Bock hatte. Mit 13 Jahren hörte ich zum ersten Mal ´Enter Sandman´ von Metallica, was meine Welt auf den Kopf gestellt hat. Ich habe von einem auf den anderen Tag sechs bis acht Stunden täglich geübt und mir sofort eine E-Gitarre zusammengespart. Ab da wusste ich, dass ich Musiker werden wollte.«

Jean, was hat dich zum Metal geführt?

Jean: »Zuerst lief bei mir schlimme Musik wie Silbermond. Ich glaube, meine erste richtige Rockband, die ich so mit elf Jahren abgefeiert habe, waren Billy Talent. Danach kamen Evanescence. Die erste richtige Metal-Band, von der ich auch Riffs und Soli nachspielen wollte, waren Disturbed. Damals kam der Mülli (Michael Müller, b. – rb) von Jaded Heart vorbei, der ein guter Freund meiner Mum ist. Er meinte: „Ich hab die neue Disturbed dabei, gib die mal dem Jungen, vielleicht hat er Spaß daran!“ Ich bin total ausgerastet und wollte jeden Ton nachspielen.«

Wen würdet ihr als euren persönlichen Gitarrengott bezeichnen?

Stefan: »Es gibt zu viele, von denen die meisten auch supereinzigartig sind. Ich würde nicht leben wollen, ohne Dimebag Darrell als musikalischen Einfluss zu haben. Auf der anderen Seite ist Steve Vai einfach Steve Vai. Die beiden sind im Solobereich sehr wichtig für mich. Was die Rhythmusgitarre angeht: Da ist James Hetfield für mich ganz weit vorne. Oh, und Criss Oliva will ich auch nicht unter den Tisch fallen lassen.«

Jean: »Was Performance und Ausstrahlung betrifft, ist Zakk Wylde einfach mein absolutes Idol. Ich stehe total auf seine Bühnenpräsenz. Der steht wie ein Baum, den bekommst du einfach nicht umgeworfen – ein massiv cooler Typ mit einer geilen Spielart. In Sachen Songwriting und stilistischer Vielfältigkeit ist es bei mir Mark Tremonti. Das ging für mich mit Creed los, noch geiler wurde es mit Alter Bridge und seinem Solokram.«

Habt ihr Unterricht genommen oder euch alles selbst beigebracht?

Jean: »Die ersten drei, vier Jahre lang versuchte ich, selbst herumzuklimpern, aber das hat nicht so gut funktioniert, weil ich als Kind schlecht ruhig sitzen bleiben konnte. Meine Mutter hat mich dann zu Peter Bursch (Gitarrenlehrer und Lehrbuchautor – rb) geschleppt. Nach einem Jahr wurde es mir aber zu ätzend, da im Kreis zu sitzen. Ich bin ständig aufgestanden und weggerannt, weshalb meine Mutter zu dem Schluss kam, das würde keinen Sinn mehr ergeben. Zu der Zeit wurde aber YouTube gerade groß, sodass ich mir das Spielen selbst beibringen konnte, indem ich Videos anschaute. Ab dem elften Lebensjahr habe ich quasi nur am Rechner gesessen und irgendwas nachgespielt.«

Stefan: »Das Gitarrenspiel per se brachte ich mir selbst bei, aber ich habe schon seit frühester Kindheit Musik gemacht. Das ging mit vier Jahren und musikalischer Früherziehung los und führte im Laufe der Zeit über verschiedene Instrumente. Gitarre zu lernen, war relativ einfach für mich, weil ich schon Noten lesen konnte und über Rhythmik und Akkorde Bescheid wusste. Es war nur noch die Frage, wie ich das auf der Gitarre umsetze. Die erste Unterrichtsstunde nahm ich, bevor ich mein Studium auf einer holländischen Musikschule begann. Das war eine studienvorbereitende Ausbildung. In Holland wurde ich dann von diversen Gitarristen unterrichtet; unter anderem hat Ruud Adrianus Jolie von Within Temptation mal ein Jahr lang dort doziert, und Menno Gootjes von Focus ebenfalls, ein tierischer Gitarrist. Zwischendurch nahm ich immer mal wieder eine Stunde bei guten Gitarristen, die ich auftreiben konnte.«

Gab es einen Song, der euch beim Erlernen in den Wahnsinn getrieben hat?

Stefan lacht: »So viele! Es gibt Songs, an denen ich mich zum ersten Mal mit 15 Jahren versucht habe und die ich heute noch übe. Das Solo der Dream-Theater-Komposition ´Under A Glass Moon´ ist beispielsweise unfassbar schwierig. Man muss die Sachen auch eine Zeitlang beiseite legen und später wieder hervorkramen, sonst wird man echt bekloppt.«

Jean: »So technisch ist es bei mir nie geworden (lacht). In meiner frühen Phase als Gitarrist erschien die „Blackbird“-Scheibe von Alter Bridge. Das Solo des Titelsongs dauert ungefähr eine Minute und ist eigentlich gar nicht so der technische Über-Burner, aber ich habe ewig daran gesessen, mir die Tabs sogar während meiner Schulstunden vor Augen geführt und überlegt: „Das kann doch nicht so schwer sein!“ Monatelang habe ich nur dieses Solo geübt und vergaß alles andere, was ich vorher erlernt hatte. Ich konnte das Solo irgendwann rückwärts summen, hab´s aber nicht gebacken bekommen, es auch zu spielen. Meine Mutter war auch schon fett genervt und meinte nur noch: „Mach die Scheiße aus!“ Mir blieb auch keine andere Wahl, als das Stück beiseite zu legen. Ein paar Jahre später habe ich mich erneut daran versucht und konnte meinen Frieden damit schließen, da ich es endlich beherrschte.«

Wie lange habt ihr gebraucht, euch aufeinander einzuspielen?

Stefan: »Die Frage lautet eher: „Wie lange werden wir noch brauchen?“ (lacht)«

Jean: »Frag uns doch in zwei Jahren zum 40. Jubiläum von RAGE wieder (lacht). Wir haben den Vorteil, dass uns relativ egal ist, wer wo ein Solo spielt. Gestern hatten wir noch das Gespräch: „Willst du das Solo dieses Tracks spielen?“ – „Auf gar keinen Fall, mach du das!“ – „Boah, nee, dann muss ich datt ja üben!“ Die Aufteilung ist uns ziemlich schnuppe, wir haben kein Ego-Gehabe in der Band. Es gab ja auch schon zahlreiche Gitarristen bei RAGE, und man kann sich bei Live-Aufnahmen gut anschauen, wie die ihre Parts gespielt haben. Dabei stellen wir immer wieder fest, dass deren Herangehensweisen sich teilweise auch unterschieden haben. Stefan meint dann oft: „Pass auf, wir spielen das jetzt einfach auf unsere Art, und gut ist!“ Es dauerte trotzdem einige Monate, bis unser Spiel zueinander passte, das ist ganz klar. Wir hatten ja vorher noch nie zusammengespielt, das ist dann ein ganz normaler Prozess. Uns während der Pandemie Zeit dafür nehmen zu können, war cool.«

Stefan: »Wir haben auch einfach grundlegend verschiedene Stile. Mein Spiel ist absolut von Downstrokes geprägt, die überhaupt nicht Jeans Sache sind. Gewisse Parts aufeinander zu kriegen, erfordert dann schon, sich mal zusammenzusetzen und die Arrangements gemeinsam durchzugehen. Bei den Aufnahmen zum Album ist uns ganz besonders aufgefallen, dass wir teils unterschiedliche Auffassungen von Timing hatten. Der eine spielt eher laid-back, während der andere nach vorn spielt. Das ist eine Sache, an der wir immer arbeiten müssen, weil wir da stilistisch einfach unterschiedlich geprägt sind. Ich denke, je länger wir zusammenspielen, desto weiter werden wir uns einander annähern.«

Wie viele Gitarren besitzt ihr?

Jean: »Einschließlich der akustischen besitze ich sechs Gitarren.«

Stefan: »Ich weiß es nicht, schätze aber, so um die 30. Davon sind derzeit nicht alle benutzbar, ich besitze auch noch meine erste E-Gitarre. Im aktiven Gebrauch habe ich ungefähr 20. Darunter finden sich ein paar, die ich total liebe, die Petrucci-Ibanez zum Beispiel oder eine Kirk-Hammett-Signature-Gitarre, die ich mir mal von allen vier Metallica-Musikern signieren ließ. Ansonsten habe ich viele Gitarren für verschiedene Tunings; da sind Siebensaiter dazwischen, während ich für den Unterricht welche in E, Drop-D oder Es brauche. Da kommt halt ein Haufen zusammen.«

Jean: »Bei der nächsten Tour brauchen wir einen Roadie mehr, der mit einem Trailer hinterherfährt, damit wir alle von Stefans Gitarren mitbekommen (lacht).«

Stefan: »Du meinst das als Witz, ich fände das super!«

Welches Equipment ist für euren Sound essenziell?

Jean: »Ich benutze kaum Equipment. Mein Tremonti-Wah-Pedal setze ich wahrscheinlich viel zu häufig ein. Ansonsten kommt der Sound bei mir aus dem Helix von Line 6. Die Klampfe macht da in meinen Augen am wenigsten aus.«

Stefan: »Schwierig zu sagen, denn ohne Finger, Gitarre und Amp gibt es keinen Sound. Deshalb ist für mich alles gleichwertig, denn die Komponenten machen zusammen das aus, was live aus der P.A. schallt.«

Jean: »Falls wir mal irgendwo hinfliegen sollten, wo wir unsere Klampfen nicht mitnehmen können, würde ich mir eher eine Gitarre vor Ort leihen und meinen Helix mitnehmen als umgekehrt.«

Stefan: »Das sehe ich anders. Sobald ich anfange, mich auf einer fremden Gitarre unwohl zu fühlen, leiden meine Technik und mein Spielvermögen. Das ist so eine Abwärtsspirale: Ich merke, dass ich schlechter spiele, werde unsicherer und so weiter. Ich würde also lieber eine meiner Gitarren mitnehmen und mit einem fremden Amp spielen.«

Was ist das größte Malheur, das euch als Gitarrist je auf der Bühne unterlaufen ist?

Stefan: »Ich habe an der Uni bei der Abschlussprüfung eines Schlagzeugers mitgespielt. Wir haben ´The Sound Of Muzak´ von Porcupine Tree aufgeführt. Ich stand dabei so ziemlich vor allen Dozenten der Uni und mindestens der Hälfte meiner Mitstudenten – alles Leute, die musikalisch tierisch was auf dem Kasten hatten. Das Solo hat ein unfassbar schwieriges Timing, und wenn du einmal raus bist, bist du aus dem 7/4-Takt richtig raus. Ich war so was von raus, dass ich mich nach dem Ende des Liedes umdrehte, die Gitarre in meinem Koffer verstaute und durch die Hintertür entschwunden bin. Das war für mich der peinlichste Bühnenmoment meines Lebens. Vor normalem Publikum zu verkacken, ist schon schlimm genug, aber das war noch mal ein neues Level.«

Jean: »Ich habe mal Fallbrawl auf Tour ausgeholfen, als sie im Vorprogramm von Lionheart spielten. Im Essener Turock bin ich auf der Bühne volle Kanne mit dem Bassisten Walle zusammengekracht, woraufhin wir beide umgekippt sind. Da der Bühnenboden nass war, hat es auch locker 30 Sekunden – die sich ewig angefühlt haben – gedauert, bis wir wieder standen, weil wir immer wieder weggerutscht sind. Ich glaube, das sah schon ziemlich dumm aus.«

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www.facebook.com/rageofficialband

www.instagram.com/jeanbormann

www.instagram.com/stormageddon_music

Gemeinsame Diskografie:

RAGE – Resurrection Day (2021)

Bands:
RAGE
Autor:
Ronny Bittner

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