Review

Reviews 9.5

NEVERMORE

Nevermore

Ausgabe: RH 93

Ich bin sicherlich nicht der einzige, der auch heute noch oft und gerne die beiden Sanctuary-Kult-Klassiker "Refuge Denied" und "Into The Mirror Black" in den CD-Player schiebt - und dem dabei vor Begeisterung fast die Tränen in die Augen kommen, weil diese Zeiten endgültig vorbei zu sein scheinen. Sind sie aber zum Glück doch noch nicht, denn Ausnahmesänger Warrel Dane hat zusammen mit Basser Jim Sheppard eine neue Band um sich gescharrt, die den Geist von Sanctuary fortleben läßt. Zwar fehlen hier die genialen Gitarristen/ Songwriter Lenny Ruthledge und Sean Blosl, aber ein gewisser Jeff Loomis, der bei NEVERMORE die Klampfen im Alleingang bedient (und schon das letzte Sactuary-Line-up mitgestaltete) schafft es, die Lücke nahezu komplett zu schließen. Zusammen mit den übrigen Muckern (Drummer Van Williams komplettiert das Quartett) komponierte er einige herausragende, höchst melodische und doch aggressive Power Metal-Sahnetörtchen, die den Teppich für Warrels unvergleichliche Vokal-Akrobatik liefern. Und daß dieser überhaupt nichts von seiner Klasse eingebüßt hat, demonstriert er ausgiebig. Schon bei seinen ersten Tönen im rhythmischen Opener 'What Tomorrow Knows' setzt beim Hörer automatisch die Gänsehaut ein. Kaum ein anderer Sänger hat ein derart ausgeprägtes Gespür dafür, verschiedene Stimmungen und Emotionen innerhalb der Songs perfekt wiederzugeben - und kaum jemand hat die passende Stimme dafür. Warrels Organ hingegen scheint in den letzten Jahren noch variabler geworden zu sein. Doch auch die Stücke selbst halten dieses Niveau. Mal klingen NEVERMORE verträumt-romantisch ('The Sanity Assassin'), mal wütend und aggressiv ('Sea Of Possibilities'), dann wieder komplex-verspielt ('Timothy Leary') oder extrem simpel und eingängig ('C.B.F.'). Kein einziger Ausfall ist also zu vermelden, und nur die Tatsache, daß diesmal noch kein alles überragender Hit à la 'Battle Angels', 'Future Tense' oder 'Revenge' dabei ist, hält mich davon ab, die Höchstnote zu vergeben. Trotzdem: Wer als Power Metal-Fan in Zukunft mitreden möchte, muß diese Scheibe im Schrank stehen haben.

Autor:
Frank Albrecht
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