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REVIEW 8.0 19.05.2010

(Dynamit, RH 277, 2010)

NEVERMORE - The Obsidian Conspiracy

Century Media/EMI (44:47) Bevor es Missverständnisse gibt: Wir reden im Falle von „The Obsidian Conspiracy" von einem Album, das besser ist als 90 Prozent aller anderen Metal-Releases. Aber: Wir reden auch von NEVERMORE, einer Band, die aufgrund ihrer Außergewöhnlichkeit, ihres herausragenden Charakters geliebt wurde, die nicht nur in der ersten Liga mitspielte, sondern mit ihrer Power/Thrash/Progressive-Melange immer, wirklich immer haushoher Meisterschaftsfavorit war. „The Obsidian Conspiracy" ist nun aber leider nicht traumhaft, magisch, gefangen nehmend, die Platte ist nicht genial - und damit doch deutlich unter „The Politics Of Ecstacy", „Dead Heart In A Dead World" oder „This Godless Endeavor" (und auch dem Rest) anzusiedeln. „The Obsidian Conspiracy" wirkt ein wenig, als wäre diese einstmals so stolze Band ins Wanken geraten und hätte nach zu langer Pause nicht gewusst, wohin des Weges: Dafür sprechen neben der durchschnittlichen, unauffälligen Produktion von Peter Wichers vor allem und in erster Linie natürlich die Songs. Der Großteil ist näher an Frontmann Warrel Danes Soloalbum „Praises To The War Machine" als am eigenen Backkatalog und damit für NEVERMORE-Verhältnisse viel zu straight und refrainorientiert. Während sich Super-Gitarrist Jeff Loomis merklich zurückhält, führt Dane mit seinen melodischen (aber auch nicht immer perfekten) Gesangslinien durch „Hits" wie ´Moonrise (Through Mirrors Of Death)´, ´And The Maiden Spoke´ oder ´Without Morals´ - alles prinzipiell gute Songs, die man nach einem Dutzend Durchläufen allerdings auch bereits ein wenig über hat. Dazu kommen zwei weitere Stolpersteine: Mit den ziemlich nervigen ´The Termination Proclamation´ und ´Your Poison Throne´ (diese „Rise"-Shouts gehen nullinger!) stehen die beiden schwächsten Stücke des Albums ganz am Anfang, und die Ballade ´The Blue Marble And The New Soul´ beeindruckt vor allem durch ihre Unauffälligkeit. Um noch mal auf die erste Feststellung dieses Reviews zurückzukommen: Niemand, der „The Obsidian Conspiracy" kauft, braucht Angst davor zu haben, sich schlechte Musik ins Regal zu stellen, denn dieses Album enthält objektiv betrachtet herausragende Musik (mit dem abschließenden Titelsong und dem tatsächlich unwiderstehlichen Ohrwurm ´Emptiness Unobstructed´ als Highlights). Aber als NEVERMORE-Fan darf, nein: muss man alles in allem von einer Enttäuschung reden.

REVIEW 10.0 20.07.2005

(Album des Monats, RH 219, 2005)

NEVERMORE - This Godless Endeavor

(57:16) Mein lieber Herr Gesangsverein! Eins vorweg: „This Godless Endeavor" ist - trotz „Dead Heart In A Dead World" - nicht nur die stärkste NEVERMORE-Platte überhaupt, sondern auch das bisher beste und intensivste Metalalbum des nicht mehr gerade jungen Jahrzehnts. Warum? Weil es Warrel Dane & Co. schaffen, den Hörer so tief und ohne Umweg in der Seele zu berühren, dass es fast schon schmerzt. Immer zwischen unbändiger Wut, tiefer Verzweiflung und schulterzuckendem Fatalismus balancierend, stellen die von Dane einmal mehr brillant verfassten Texte stets die richtigen Fragen und bewegen sich zwischen den Polen Identitätsverlust, Systemkritik, Sinnsuche und Gottesanklage, was im am Schluss platzierten Titeltrack seinen Höhepunkt findet. Man merkt, dass sich vor allem Warrel als Mensch neu finden musste - zu einer positiven Grundausrichtung konnte sich der Zyniker aber nicht durchringen. Warum auch? „Did you ever realize that nothing changes, everything stays the same?" Das ist bitter, aber andererseits auch eine befreiende Feststellung. Dinge passieren, sie passieren nicht, Ereignisse und Menschen beeinflussen das Leben, das Denken, auch das Handeln - aber sie verändern niemals wirklich dein eigenes Ich. Es ist legitim, Fragen zu stellen, aber es ist illusorisch, Antworten zu erwarten. Nur der Weg kann - oft zitiert - das Ziel sein: „It´s a one way ride and there´s nothing you can do." Musikalisch umgesetzt wurde „This Godless Endeavor" auf fantastischste Weise mit allen typischen NEVERMORE-Trademarks, wobei man sich wieder deutlich eingängiger als auf dem (superben!) Vorgänger „Enemies Of Reality" zeigt. Die beiden extrem melodischen ´Sentient 6´ und ´Sell My Heart For Stones´ haben beide das Niveau von ´The Heart Collector´, das sich zwischen hammerhartem Thrash, famosem Power Metal und Prog bewegende Opener-Pack ´Born´/´Final Product´/´My Acid Words´ ist so dermaßen großartig, dass man es kaum glauben möchte, die etwas sperrigeren ´Bittersweet Feast´, ´Medicated Nation´ und ´The Psalm Of Lydia´ erschließen sich erst nach mehrmaligem Hören, arbeiten sogar mit ganz alten Psychotic-Waltz-Versatzstücken und zeigen dabei jeglichem Cheese-Gedudel und -Gefrickel, wie man mit Sinn und Verstand durch die Gegend breakt - und das von Steve Smyth verfasste, mit einem Jahrhundert-Refrain ausgestattete ´A Future Uncertain´ leitet den bereits erwähnten, fast neunminütigen Titelsong ein, der in Sachen Intensität auf einer Stufe mit Fates Warnings ´Exodus´ steht (auch wenn man beide Bands stilistisch natürlich kaum vergleichen kann). Und um ein paar weitere „Kleinigkeiten" nicht zu verschweigen: Dane singt so gut wie noch nie, ein besseres Klampfengespann als Jeff Loomis/Steve Smyth gibt´s in diesem Genre nicht, die Produktion von Andy Sneap ist schlicht und einfach perfekt, und das extrem atmosphärische Hugh-Syme-Artwork rundet das Album mit einem Paukenschlag ab. Falls man es bis hierhin noch nicht gemerkt haben sollte: Ich bin begeistert. LINE-UP Warrel Dane (v.) Jeff Loomis (g.) Steve Smyth (g.) Jim Sheppard (b.) Van Williams (dr.) DISCOGRAFIE Nevermore (1995) In Memory (EP, 1996) The Politics Of Ecstasy (1996) Dreaming Neon Black (1999) Dead Heart In A Dead World (2000) Enemies Of Reality (2003) Enemies Of Reality (neue Version, 2005) This Godless Endeavor (2005) DIE PATEN Wer „This Godless Endeavor" mag, dürfte auch an den folgenden Bands Gefallen finden: Communic, Into Eternity, Lanfear, Megadeth, Morgana Lefay, Opeth, Psychotic Waltz, Sanctuary, Testament, Watchtower Das sagt Jeff Loomis zum aktuellen Album: »Ich bin sehr glücklich, dass wir mit „This Godless Endeavor" die Pole Position im Rock Hard erreicht haben. Wir hatten das Glück, endlich wieder mit Andy Sneap arbeiten zu können. Wir sind mit einer bestimmten Vorstellung, wie die Platte klingen soll, ins Studio gegangen, und Andy hat die ganze Chose perfekt umgesetzt. Er hat das richtige Ohr für unsere Musik. Wenn die Chemie derart stimmt, ist es eigentlich kein Wunder, dass das Ergebnis überzeugt!«

REVIEW 9.0 23.07.2003

(Album des Monats, RH 195, 2003)

NEVERMORE - Enemies Of Reality

(40:53) Ehrlich gesagt weiß ich bis heute noch nicht, warum ich seinerzeit keine zehn Punkte auf das letzte NEVERMORE-Album "Dead Heart In A Dead World" gegeben habe. Vermutlich, weil ich insgeheim gehofft hatte, dass die Metalheads aus Seattle nochmals einen drauflegen könnten. Dabei kann man besagtes "Dead World..."-Scheibchen realistisch und nüchtern betrachtet nicht mehr übertreffen. "Enemies Of Reality" erreicht das Niveau der Vorgängerplatte dann auch nicht ganz, ist aber weit davon entfernt, so etwas wie eine Enttäuschung zu sein. Dafür ist das Songmaterial zu erhaben. Alleine die Gitarrenarbeit von Jeff Loomis ist einmal mehr eine Klasse für sich. Es ist einfach Wahnsinn, wie genial dieser Mann gefühlvolle Melodien und brutalste Riffs miteinander verknüpfen kann, ohne dass der rote Faden verloren geht. Und auch Frontmann Warrel Dane packt wieder endlos viel Seele in seine Gesangslinien - da gibt´s die Gänsehaut gleich im Dutzend. Generell haben NEVERMORE an Aggressivität noch einen Zacken zugelegt, wirken etwas thrashiger als beim letzten Album - höre das heftige Riffmassaker ´Seed Awakening´ oder das mit Morbid-Angel-ähnlichen Gitarrenläufen ausgestattete ´Ambivalent´. Auf der anderen Seite gibt´s wieder emotional aufwühlende Nummern wie ´Tomorrow Turned Into Yesterday´, ´Who Decides´ oder den Titeltrack, die allesamt mit traumhaft schönen Melodien bestückt sind. Und dann wären da noch Songs, die erst nach dem x-ten Durchlauf ihr volles Aroma entfalten, wie beispielsweise ´Never Purify´, dessen Kombination aus ultra-heftigen Riffs und einem höchst eingängigen Refrain nur auf den ersten Blick keinen Sinn ergibt. Lediglich das Klangcollagen-ähnliche ´Noumenon´ bleibt auch auf Dauer ziemlich sperrig. Ergibt unterm Strich 9,5 Punkte für das Songmaterial, wovon aber noch ein halber Punkt für die Produktion abgezogen werden muss - ist zwar irgendwie gemein, weil die Band nix dafür kann, aber objektiv betrachtet klingt die Scheibe etwas zu komprimiert. Produzent Kelly Gray hat hier keinen einwandfreien Job abgeliefert und den Sound der Band zu sehr eingeengt. Wirkt so, als würde man versuchen, eine viel zu große Schachtel in eine zu kleine Schublade zu stecken - oder als ob man mich in ein Girlie-Shirt quetschen wollte. Andererseits kann man sich auf die Dauer aber durchaus an den Sound gewöhnen, und die Songs alleine rechtfertigen eindeutig glatte neun Punkte. Well done!

REVIEW 9.5 20.09.2000

(Album des Monats, RH 161, 2000)

NEVERMORE - Dead Heart In A Dead World

"How did it come to this?", fragt Warrel Dane im Opener 'Narcosynthesis'. Keine Ahnung. Fakt ist allerdings, dass sich die Seattle-Metaller auf ihrem nunmehr vierten Album nochmals steigern konnten und ihre bisher ausgereifteste Scheibe vorlegen. Die Gitarren braten modern, verlassen aber nie metallische Pfade und klingen so heavy wie noch nie. Die Rhythmusfraktion pumpt wie Ralf Möller in seinen besten Zeiten, und Warrel Dane selbst zeigt sich erneut als musikalisches Chamäleon. Der charismatische Frontmann singt, schreit und wimmert sich durch die elf Tracks wie ein Psychopath und schafft es ohne Probleme, die gesamte Gefühlspalette umzusetzen. Den Boden bereitet ihm dabei das superbe Songwriting. 'Narcosynthesis' ist der vertrackte Opener, 'We Disintegrate', 'Inside Four Walls' oder 'The River Dragon Has Come' sind typisches und anspruchsvolles NEVERMORE-Kraftfutter, kommen aber eine Ecke eingängiger als in der Vergangenheit über den Teich. Dazu haben die melancholischen Vier mit 'The Sound Of Silence' den alten Simon & Garfunkel-Klassiker komplett zerstört, um ihn danach Stück für Stück zu einem eigenen Track zu machen. Als Anspieltipps sollten dagegen die beiden fast schon depressiven, nihilistisch angehauchten 'Evolution 169' und 'The Heart Collector' herhalten. Ersteres erinnert von der Atmosphäre her an allerbeste Psychotic Waltz-Sternstunden, und der "Herzsammler" ist das, was man gemeinhin als "Hit" bezeichnet. Zusammen mit 'In Memory' die besten Songs, die Dane, Sheppard, Loomis & Williams bisher verbrochen haben. "Dead Heart In A Dead World" bewegt, begeistert und macht nachdenklich. Das Meisterstück einer der begnadetsten Bands der Gegenwart.

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