Vorwort

Vorwort 24.02.2021, 08:00

SCHOCKSCHWERENOT!

Cannibal Corpse? Neck Cemetery? Iced Earth? Nix da: Wenn die (zugegebenermaßen etwas schwammige) Genre-Bezeichnung „Shock Rock“ im Raum steht, denkt wohl jeder Musikfan vor allem an Alice Cooper - und zwar völlig zu Recht. Vor allem die Frühphase bis „Welcome To My Nightmare“ (von 1975) hat Maßstäbe gesetzt, im Gegensatz zum kruden Weirdo-Stoff von Screamin´ Jay Hawkins oder The Crazy World Of Arthur Brown lebten Vincent Furniers Errungenschaften auch immer von ihrem schlüssigen Songwriting, die „aufreizende“ Bühnenshow untermalende ikonische Stücke wie ´I´m Eighteen´, ´Under My Wheels´, ´No More Mr. Nice Guy´ oder ´School´s Out´ haben bis heute nichts von ihrem Reiz verloren.

Die weitere Geschichte von Cooper ist, wie bei vielen relevanten Künstlern, eine wechselhafte; im Alkohol-Delirium entstandene Frühachtziger-Werke wie „Flush The Fashion“, „Zipper Catches Skin“ oder „DaDa“ sind tatsächlich kaum mit Vergnügen hörbar, die von den Star-Producern Desmond Child bzw. Peter Collins in Szene gesetzten Hit-Feuerwerke „Trash“ (1989) und dessen manchmal etwas unter Wert gehandelter Nachfolger „Hey Stoopid“ (1991) dagegen zwei der wertvollsten Melodic-Hardrock-Platten aller Zeiten. Danach wird´s ohne Zweifel zumindest stilistisch wieder eher heterogen, um´s vorsichtig auszudrücken, qualitativ gibt´s aber zumindest keinen richtigen Stinker mehr - und seit einer guten Dekade kann man sich sogar wieder richtig auf ein frisches Langeisen von Alice Cooper freuen. Das gleichzeitig durchdacht und spontan klingende neue Album „Detroit Stories“ stellt für mich den bisherigen Höhepunkt in dieser Entwicklung dar und war uns dementsprechend eine Titelstory wert - Coopers erste im Rock Hard.

Andere Teile dieser Ausgabe sind dagegen leider ernster: Mit einem Seziertisch verneigen wir uns unter der Federführung Sebastian Schillings kollektiv vor dem Schaffen eines der größten Gitarren-Asse seiner Generation, der frühe Tod Alexi Laihos hat auch Leute betroffen gemacht, die sich nicht als Die-hard-Fans von Children Of Bodom bezeichnen würden. In einem langen Kommentar rekapituliert Holger außerdem die Geschehnisse rund um Jon Schaffer und die Erstürmung des US-Kapitols; der Text ist durchaus der Versuch einer Annäherung, ja: einer Erklärung. Aber am Ende muss auch hier gelten: Ignorantia legis non excusat - Unwissenheit schützt vor Strafe nicht. Ein krudes Weltbild genauso wenig. Und schlussendlich gehen wir in einem zehnseitigen Special der Frage nach, wie Corona die Musikwelt verändert bzw. bereits verändert hat. Die Antworten sind sehr uneinheitlich. Nicht alles wird jedem gefallen, aber andere im wahrsten Sinne des Wortes legitime Meinungen sind in einer funktionierenden Demokratie auszuhalten. Mehr noch: Dissens ist am Ende sogar die Grundlage ihres Fortbestehens, im besten Falle sogar ihres Fortschritts.

Haltet die Köpfe oben (es sei denn, Ihr bangt)!

Autor:
Boris Kaiser

Melde dich für unseren Newsletter an und verpasse nie mehr die wichtigsten Infos