Interview


Pic: Jan Bulkin

Interview 23.12.2022, 11:17

THEOTOXIN - Online-Ergänzung zu Rock Hard Vol. 427

Im Rahmen unserer „Krach von der Basis“-Rubrik sprachen wir mit THEOTOXIN über ihr neustes Album „Fragment: Totenruhe“, wobei uns Sänger Ragnar und Schlagzeuger Flo einen so ausführlichen Eindruck gewährten, dass wir an dieser Stelle den zweiten Teil des Interviews veröffentlichen wollen.

Flo, Ragnar: Laut eigener Aussage habt ihr es euch zu eurer Intention gemacht „supreme black metal art“ zu kreieren. Könnt ihr zum Einstieg etwas genauer erklären, was diese Vision ausmacht?

Ragnar: »Danke für dein Interesse an unserem Schaffen. Supreme Black Metal Art steht für mich für Black Metal, der sowohl durch ansprechenden lyrischen Inhalt, als auch Melodie und spielerische Finesse zu überzeugen versteht und exakt unserer Vision von Black Metal und unseren Überzeugungen Gestalt gibt.«

Flo: »Ja, uns geht es darum, ehrliche schwarze Tonkunst zu erschaffen, wie sie uns zusagt und womit wir uns identifizieren können. Ich schreibe keine Songs für andere, oder so, dass sie zu einem momentanen Trend passen. Uns ist Authentizität sehr wichtig.«

Im ersten Teil des Interviews haben wir schon einige Songs und Textzeilen aus eurem neusten Album „Fragment: Totenruhe“ näher beleuchtet; eine weitere spannende Aussage findet sich in ´Of Rapture And Dissolution´: „Entombment means freedom, from a physical shell, across the path of death, to reach the astral world“. Spielt ihr hier auf spirituelle Freiheit durch den Tod an?

Ragnar: »´…Of Rapture And Dissolution´ beschäftigt sich mit dem Thema der tausend Tode sowie dem Akt des Begrabens, der (oft falschen) Erwartungshaltungen der Menschen und dem Aspekt des Gedenkens. Nach der von dir zitierten Textstelle geht es weiter mit „to become a revenant, reaching back to the earth“ – das komplettiert den Sinn und stellt somit klar, worum es in dem Teil des Werks geht: Um Wiedergeburt, die Unendlichkeit des Todes selbst und die umgekehrte Spirale in der wir uns am Weg zur Endlichkeit der Dinge und dem Streben befinden.«

´Perennial Lunacy“ liest sich zugespitzt nahezu kapitalismuskritisch: „Raise the profit, minimize the costs, sacrifice them all, to the calf of gold“. Ist es wirklich Systemkritik, die ihr hier ausüben wollt?

Ragnar: »Wir haben nun schon etliche Interviews gegeben und es wundert mich wirklich, dass du die Erste bist, die auf diesen Song und diese Text-Zeile zu sprechen kommt. Ich hatte eigentlich mit mehr Drama zu „Wirtschafts-Black-Metal“ gerechnet, zumal der Text von ´Perennial Lunacy´ doch eher genre-untypisch ist und eigentlich fast schon dem Punk zugeordnet werden könnte. Tatsächlich geht es hier rein um Provokation und Systemkritik. Es ist nun einmal so, dass wir in einem Wirtschaftssystem leben, in dem sich 90 Prozent der Teilnehmenden, egal wie sehr sie sich CSR, BE, SGM, Compliance und sonstige Modebegriffe an die Fahnen heften und Programme dazu aus dem Boden stampfen, in jeder Entscheidungsfindung am Ende des Tages die finanzielle Komponenten in den klaren Vordergrund stellen. Dies gepaart mit Missständen wie Vitamin B, Bestechlichkeit und Korruption, „Message-Control“ und Manipulation führt bereits zu einem sehr suspekten, intransparenten Cocktail, von dem wir alle trinken (müssen). Bedenkt man nun, dass dieses Getränk hinter einem vorgehaltenen Vorhang bzw. Schleier aus Corporate Social Responsibility, Nachhaltigkeit und Menschlichkeit getrunken wird, beginnt man erst zu ahnen, wie verdorben und undurchsichtig das System in Wahrheit bereits geworden sind. Je näher du eintauchst und je weiter du an die Spitze kommst, desto mehr Einblick erhältst du – ähnlich einem Schneeballsystem. Genau dieses Faktum prangert ´Perennial Lunacy´ an und versteht sich somit als ein Song für die „Working Class“ - also all jene, die vor dem Vorhang auf der echten wirtschaftlichen Bühne als jene agieren, die tatsächlich arbeiten, Wirtschaftsinhalte schaffen und sich somit für das System und jene hinter dem Vorhang zu Tode schuften.

Um die Umstände bessern zu können, müssten wir grundlegend Dinge ändern, dies beginnt schon in der Einstellung und Ansicht der Teilnehmenden selbst, aber auch am System generell – z.B. Transparenz radikal erhöhen, Konsequenzen verschärfen, Gewaltenteilung verstärken, Formalismus und Entscheidungszeiten reduzieren, klarere Vorgaben schaffen, die dann auch umgesetzt werden müssen – aber das geht jetzt für ein Interview vermutlich zu weit. Für Gespräche bin ich aber jederzeit offen. „Spoiler-Alarm“: Bring genug Bier mit. Wir werden es brauchen!«

www.facebook.com/TheotoxinOfficial

Bands:
THEOTOXIN
Autor:
Mandy Malon

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